Interview mit Muhammad Yunus:"Bangladesch ist meine Heimat"

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SZ: Aber sollten Mikrokredite nicht nur an Menschen vergeben werden, die mit Geld umgehen können - damit sich keiner mehr überschuldet, wie es in Indien geschehen ist?

Yunus: Das wäre gut, aber dafür ist eine Überwachung nötig und die ist kompliziert. Manche Kreditnehmer erscheinen anfangs nicht smart genug, aber sie entwickeln schnell unternehmerisches Denken. Besonders Frauen sind zuerst schüchtern und trauen sich nichts zu - werden aber rasch zu äußerst erfolgreichen Geschäftsfrauen.

SZ: Also nehmen Sie einfach hin, dass viel Geld verloren geht?

Yunus: Das Problem ist nicht, dass die Armen das Geld verlieren. Was Menschen uns vorhalten, ist, dass Mikrokredite die Armut nur langsam lindern.

SZ: Lindern? Die Armut hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Yunus: Armut hat eben viele Ursachen - und braucht daher viele Lösungen. Kleinstdarlehen können nichts ausrichten gegen schlechte Regierungsführung, mangelnde Bildung oder ein fehlendes Gesundheitssystem.

SZ: Glauben Sie noch daran, dass es Armut irgendwann nur noch im Museum gibt, wie sie es einmal sagten?

Yunus: Selbstverständlich glaube ich daran. Arme Menschen sind wie Bonsais. Der beste Samen eines großen Baumes wird nur wenige Zentimeter groß, wenn man ihn in einen Blumentopf pflanzt; er verkümmert, genau wie die Armen. Ihr Problem ist nicht der Samen, sondern die Gesellschaft, die ihnen keinen Raum gibt zu wachsen. Wenn wir das ändern, muss niemand mehr arm sein.

SZ: Was sind Mikrokredite in diesem Bild? Ein wenig Dünger - der aber nichts Grundsätzliches ändert?

Yunus: Mikrokredite vergrößern die Fläche, auf der Arme wachsen können und Kontrolle über ihr Leben gewinnen. Sie werden gebraucht, deshalb werden sie sich weiter ausbreiten. Ebenso wie die anderen Sozialunternehmen.

SZ: Auch wenn die Regierung Ihnen die Kontrolle darüber raubt?

Yunus: Auch dann. Ich will die Idee ohnehin in anderen Ländern verbreiten.

SZ: Wollen Sie weg aus Bangladesch?

Yunus: Nein, es ist meine Heimat, hier lebe ich. Das soll auch so bleiben.

SZ: Sind Sie verbittert?

Yunus: Nein, Höhen und Tiefen sind Teil des Lebens.

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