Industrieareal Neue Büros über der alten Fabrik

Nah am Wasser: Das Fabrikgelände hat einen Zugang zur Havel.

(Foto: Beos)

Einst Lokomotivenbau, heute moderner Wirtschaftsstandort: Das Borsig-Areal in Berlin zeigt, wie sich Industriestandorte verwandeln können.

Von Lars Klaaßen

Nachdem Ernst Borsig, Enkel des Unternehmensgründers, 1898 das neue Werk in Tegel eröffnet hatte, soll er seinen täglichen Arbeitsweg quer über den See mit einem Boot zurückgelegt haben. Den kleinen Hafen gibt es heute noch. Seinerzeit spielten die Wasserlage mit Zugang zur Havel und die Anbindung an das Schienennetz eine entscheidende Rolle für den Bau der Fabrik. Damals wurden hier Dampflokomotiven gebaut. Die Nutzung des Standorts hat sich ebenso gründlich gewandelt wie die Verkehrsmittel, mit denen man dort hinkommt.

Der Grundstein für seine heutige Gestalt wurde in den 1990er-Jahren gelegt: Nach dem Fall der Mauer begann die Umwandlung des Industriegeländes in einen modernen Wirtschaftsstandort. Zu den größeren Unternehmen, die hierherkamen, gehörte auch Herlitz. Die Firma bezog bestehende Gebäude, baute daneben aber auch neu. Das ist allerdings auch schon wieder Geschichte, nun geht es in die nächste Runde. Wo der Papier- und Schreibwarenhersteller seinen Standort hatte, unterhält der Investment-Manager und Projektentwickler Beos heute den Gewerbe- und Logistikpark "Dock 100". Hier hat Amazon einen Standort, weitere Hauptmieter sind ein Management-Dienstleister einer Klinikgruppe und ein IT-Unternehmen.

Auf dem historischen Fabrikgelände wird aber auch noch produziert, sogar mit Bezug zu Lokomotiven: Ein größerer Mieter ist Knorr-Bremse Powertech, ein auf elektrische Energieversorgungssysteme für den Schienenverkehr und industrielle Anwendungen spezialisiertes Unternehmen. Insgesamt hat das Dock 100 etwa 86 000 Quadratmeter Mietfläche, wovon mehr als 91 Prozent vermietet seien, sagt Marcus Reinelt von Beos, Projektmanager der Liegenschaft.

Zum Dock 100, direkt am Ufer des Tegeler Sees gelegen, gehören neben dem Borsighafen fünf sehr unterschiedliche Gebäude mit Büros, Logistik, Lager und Stellplätzen. Mittelpunkt des Ensembles ist das "Factory Dock", ein Industriebau mit 47 000 Quadratmeter Fläche auf neun Etagen, 120 Meter lang, 50 Meter breit und 46 Meter hoch. Der riesige Kubus wurde für die industrielle Produktion und Lagerung gebaut. Die Böden dort können tonnenschwere Lasten tragen. Eine Deckenhöhe von gut vier Metern gibt Spielraum, um mit großem Gerät zu hantieren. Entsprechend dimensionierte Aufzüge ermöglichen auch auf den oberen Etagen den direkten Zugang zu weitläufigen Flächen von 50 mal 60 Meter Ausdehnung. "Die Nutzung des Hauses geht mittlerweile über Produktion und Lagerung hinaus", berichtet Reinelt. Aus den oberen Etagen werden Büroflächen. 14 000 Quadratmeter hat Beos an zwei Dienstleister der Sparkassen-Finanzgruppe vorvermietet. Einer der Gründe für die Umnutzung: Würde auf allen neun Etagen produziert, müssten die Mieter sich eng absprechen, wer wann die Lastenaufzüge nutzt. Im Büroalltag hingegen ist das kein Thema.

Die Energieversorgung reicht für die veränderte Nutzung aus, aber bei der Wasserversorgung gibt es Nachholbedarf. Sanitäranlagen, Teeküchen und andere Einrichtungen, die im Büros Standard sind, müssen hier erst geschaffen werden. Der Umbau geht aber über Versorgungsleitungen deutlich hinaus, denn die enorme Tiefe des Gebäudes lässt zu wenig Tageslicht hinein. Deshalb wird das Haus an zwei Stellen von oben geöffnet. Zwei Lichthöfe in den drei obersten Etagen lassen dann auch in der Mitte des Gebäudes Helligkeit in die Räume. Nebenbei entstehen so auch noch zwei kleine Außenflächen. Die spektakulärste Freifläche bleibt auch nach dem Umbau das Dach. Rund um das Staffelgeschoss im neunten Stock zieht sich eine Terrasse, von der aus man über die ganze Stadt blicken kann. Höher als das Dock 100 ist in der direkten Umgebung nur der Borsigturm mit 65 Metern. Dieses Wahrzeichen des Areals wurde 1922 gebaut, seinerzeit das erste Hochhaus Berlins. Damals wurde aus Platzgründen so hoch gebaut - die Grundfläche des Turms beträgt gerade mal 20 mal 16 Meter. Heute ist trotz Neu- und Umnutzungen deutlich mehr Platz auf dem Areal als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Vom Dach des Dock 100 hat man einen guten Blick auf die alten Industriegebäude und die Neubauten dazwischen. Auf der einen Seite geht der Blick bis zum Stadtrand, auf der anderen sieht man die Skyline von Berlin. Dabei fällt der Blick von der alten Lokomotivenfabrik auch auf die Verkehrsmittel der Gegenwart: Ganz in der Nähe, erstaunlicherweise kaum hörbar, starten und landen die Jets am Flughafen Tegel, der etwa zwei Kilometer südlich liegt. Die gute Verkehrsanbindung ist bis heute ein wichtiger Faktor für den Ort. Das gilt für die Lieferketten der ansässigen Firmen ebenso wie für deren Mitarbeiter, die jeden Tag hierherfahren. Die Stadtautobahn ist ganz in der Nähe, vor dem Gelände hält aber auch die U-Bahn, eine S-Bahn-Station ist nicht weit entfernt. Mit dem Boot jedenfalls kommt heute niemand mehr.