bedeckt München 11°

Indoor Farming:Ernte im Wohnzimmer

Tiny House in München, 2018

Platz in der kleinsten Hütte: Kräuteranbau im Tiny House des italienischen Architekten Leonardo di Chiara, aufgenommen 2018 in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zucchini, Tomaten oder Obst wachsen nicht nur im Garten oder auf dem Balkon, sondern auch in den eigenen vier Wänden. Das geht in Blumentöpfen auf dem Küchenfenster, aber auch ganz anders. Vorausgesetzt, man beachtet einige Regeln.

Von Jochen Bettzieche

Frisch soll der Salat zum Abendessen sein, am besten gerade erst geerntet. Kein Problem. Wächst er doch auf der Fensterbank in der Küche. Noch zwei Tomaten dazu? Alles klar, die erntet der moderne Hobbykoch im Wohnzimmer, zwischen Bücherregal und Stereoanlage.

Indoor Farming heißt das, wenn Menschen in den eigenen vier Wänden Nutzpflanzen ziehen. Seit ein paar Jahren liegt das Thema im Trend. Insbesondere Menschen, die keinen eigenen Garten oder Balkon haben, bauen Gemüse, Kräuter und Obst in der Wohnung an. Trivial ist das nicht, aber wer ein paar Regeln beachtet, erzielt ordentliche Ergebnisse. Zwischen zwei Ansätzen muss sich der Wohnzimmergärtner entscheiden: Entweder man kauft eines der kleinen bis großen Geräte, die immer mehr Unternehmen anbieten, oder man wählt den traditionellen Weg und besorgt sich Blumentöpfe und Erde im Gartencenter.

In diesem Fall muss man selbst günstige Rahmenbedingungen schaffen. Wie einfach das ist, hängt auch von der Wohnung ab. "An einem Südfenster kann man mit einem einfachen Topf Gemüse wie Tomaten und Zucchini anbauen," sagt Sabine Wittmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professorin Heike Mempel am Institut für Gartenbau an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Die Pflanze sollte allerdings die Fensterscheibe nicht berühren. Sonst droht sie zu verbrennen.

Auf der Südseite knallt die Sonne durchs Fenster, auf der Nordseite ist zu wenig Licht

Ein weiterer Aspekt ist die Luftfeuchtigkeit. Kräuter und Tomaten gedeihen in trockenen Räumen wie Wohnzimmer und Küche besonders gut. Die Verhältnisse in Bädern hingegen könnten für Pflanzen problematisch sein. Wittmann empfiehlt Anfängern Salate und Kräuter. Denn die sind schon nach wenigen Wochen erntereif. Tomaten und Gurken hingegen benötigen Monate, sagt sie: "Je länger die Kultur dauert, desto größer ist die Gefahr, dass etwas schief läuft, beispielsweise eine Krankheit die Pflanze befällt."

Schwieriger wird es, wenn die Wohnung überwiegend in Richtung Norden ausgerichtet ist. Das ist zwar für den Menschen im Sommer angenehm, denn die Sonne knallt nicht durch die Fensterscheiben. Pflanzen bekommen aber zu wenig natürliches Licht. Allerdings gibt es Lampen, die genau das erforderliche Spektrum liefern. "Zwischen 430 und 780 Nanometern kann eine Pflanze ihren Stoffwechsel, die Photosynthese, betreiben", erläutert Wittmann. Geeignete Lampen finden Heimwerker zum Beispiel in Baumärkten und Gartencentern. Mindestens 150 Mikromol pro Quadratmeter und Sekunde, so die relevante Einheit, sollte die Lampe bringen. "Unter Umständen muss man mehrere nebeneinanderhängen", sagt Wittmann. Oder der Gärtner nimmt sich eines der eigens entwickelten Hängesysteme und Regale für die Pflanzenzucht im Eigenheim, die zum Teil mit geeigneten Lampen ausgestattet sind.

Nachteil der Blumentöpfe: Sie sind offene Systeme. Der Hobbygärtner muss regelmäßig gießen. Die Töpfe stehen zwar auf Untertellern, aber wenn er nicht aufpasst, muss er dennoch einen Lappen holen und übergelaufenes Wasser aufwischen. Manchen Menschen macht das nichts aus, andere hält das davon ab, in der Wohnung Pflanzen zu haben. Denen empfiehlt die Expertin hydroponische Systeme. Dort durchläuft das Wasser einen automatisierten Kreislauf. Der Besitzer muss nur ab und zu düngen. Die Pflanzen wachsen nicht in Erde, sondern auf Substraten aus Steinwolle, Textilien oder Kokos oder in Blähton, erklärt Wittmann: "Im Eigenbau ist man je nach Umfang schon mit 150 bis 200 Euro dabei, fertige Kleinst-Systeme gibt es ab 40 Euro aufwärts."

Es geht natürlich aber auch deutlich teurer. Etwa 2900 Euro kostet der Plant Cube von Agrilution. Das Gerät sieht aus wie ein Kühlschrank mit Glastür und wird in die Küche oder ein beliebiges anderes Zimmer integriert. Nur, dass in diesem Schrank nichts gekühlt wird, sondern Pflanzen wachsen. Sensoren kontrollieren die Bedingungen in diesem Indoor-Gewächsschrank. Der Hobbygärtner steuert das System über eine App. Wobei der Begriff Hobbyernter besser passt. Denn der Eigentümer hat mit dem Wachstum nicht viel zu tun. Er legt Vliesmatten mit eingearbeiteten Samen in spezielle Behälter und stellt diese in den Schrank. Dann muss er ab und zu dem Wasserkreislauf Nährstoffe zuführen. "Wir arbeiten daran, diesen Teil komplett zu automatisieren", erklärt Maximilian Lössl, Geschäftsführer und einer der Gründer von Agrilution.

Bislang bietet das Unternehmen Salate, Gemüse in Minisprossenform und Kräuter zum Selberziehen an, entweder einzeln oder im Gemisch. "Theoretisch kann man aber alles anbauen, auch Auberginen, Chillies, Erdbeeren und Wurzelgemüse, das entwickeln wir gerade", sagt Lössl. Das Unternehmen habe sich aber im ersten Anlauf auf Pflanzen konzentriert, die maximal 30 Tage bis zur Ernte benötigen. Und die ist langfristig das Einzige, was dem Indoorgärtner bei solchen Geräten noch zu tun bleibt. Statt aus dem Gemüsefach des Kühlschranks holt er sich beim Kochen den Salat aus dem Zuchtschrank. Hege und Pflege übernimmt die Automatik. Lössl ist aber auch der Umweltgedanke wichtig. Er rechnet vor: "Ein Kilogramm Salat benötigt bei konventionellem Anbau 240 Liter Wasser, unser Schrank benötigt 120 Liter pro Jahr für alle Pflanzen, die darin wachsen." Mittlerweile hat der Haushaltsgeräte-Hersteller Miele das Unternehmen übernommen.

Agrilution ist nicht der einzige Anbieter. Österreichische Designer hatten bereits vor ein paar Jahren eine Küche für Vegetarier vorgestellt, in die ebenfalls ein Schrank integriert war, um Nutzpflanzen anzubauen. Ein spezielles Beleuchtungs- und Belüftungssystem erzeugt bis zu vier Klimazonen für den Küchengarten. Ins Spülbecken integrierten die Österreicher eine Keimbrücke, um Bohnen, Ölsaaten, Sprossen und Ähnliches zu züchten. Andere Hersteller arbeiten beispielsweise mit einer sich drehenden Gewächstrommel.

In Innenräumen gibt es meist weniger Schadstoffe. Aber es staubt

Es muss aber nicht gleich das große Gesamtkonzept sein. Viele kleine Geräte fürs Indoor-Farming sind mittlerweile auf dem Markt, vom Küchen-Gewächshaus bis zur über Smart-Technology gesteuerten Mini-Zuchtanlage. Unter anderem hat BSH Hausgeräte solch ein System entwickelt, das die Pflanzen automatisch mit Wasser und Licht versorgt. "Die Lichtspektren passen sich den Bedürfnissen der jeweiligen Wachstumsphase an", sagt E-Lin Tan, Leiterin Indoor Gardening bei BSH Hausgeräte. Die Nutzer kaufen spezielle Kapseln mit Steinwolle und Samen, setzen diese ein und ernten nach ein paar Wochen. Es ist ein bisschen wie beim Kaffee aus Kapseln, nur, dass hier Kräuter und Gemüse wachsen: Kirschtomaten, Chillies und Salate. Wer experimentieren will, kann Kapseln ohne Saatgut kaufen und eigene Samen verwenden. Dann funktioniert es auch mit Bio-Saatgut. Denn ein Bio-Siegel erhalten die vorgefertigten Substrat-Samen-Kapseln und -Vliese für hydroponische Komplettsysteme in der EU nicht, erklärt Anbau-Expertin Wittmann: "Aber Hobbygärtner benötigen ohnehin kein Siegel und können eigenes Biogemüse züchten." Waschen sollten sie es vor der Verarbeitung ohnehin. Zwar lagern sich in den eigenen vier Wänden in der Regel keine Schadstoffe aus Abgasen auf Blättern und Früchten ab, aber dafür Staub.

So angesagt Indoor-Farming derzeit ist, es stößt an räumliche Grenzen. Mit Gartenbesitzern können die Wohnzimmerbauern nicht mithalten. "Es gibt zwar balkontaugliche Apfelbäume", meint Wittmann, "aber in der Wohnung kann sicherlich kein Streuobstbaum stehen."

© SZ vom 12.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite