Süddeutsche Zeitung

Gut gemischt:Zurück in die Zukunft

"Tradition und Moderne": Im Finale des Wettbewerbs der Unicredit Festspielnacht ist alles dabei.

Von Laura Helene May

Zeit bedeutet Veränderung. Auch in der Musik. Zwischen den Zeiten gibt es Brücken, die Generationen verbinden und für gegenseitiges Verständnis sorgen. Dieses Gefüge soll durch den Musik- und Kompositionswettbewerb der 18. Unicredit Festspielnacht mit dem Titel "Tradition und Moderne" sichtbar gemacht werden.

Ob konservative Klassikfreunde, die in elektronischer Musik nichts als den wahrgewordenen Albtraum einer drogenverseuchten Jugend sehen oder Technofreaks, die bei jedem Ton klassischer Musik die Flucht ergreifen. Diese Begegnung lehrt jeden und jede über den eigenen musikalischen Tellerrand zu blicken. Zum 150. Geburtstag der Hypovereinsbank ist der Contest ein "Dankeschön an unsere Kunden, Partner und Freunde", sagt der Vorstandssprecher Dr. Michael Diederich. Zwei Solokünstler, ein Duo und eine Band haben es in das Finale des Wettbewerbs geschafft und dürfen am 29. Juni live auf der Open-Air-Bühne am Odeons-platz auftreten. Drei der Kandidaten wurden durch die Jury ausgesucht, sie besteht aus Nikolaus Bachler, dem Intendanten der Bayrischen Staatsoper, Michael Diederich, dem Vorstandssprecher der Hypo-Vereinsbank, BR-Moderatorin Beatrix Gillmann und der Leiterin der SZ-Kulturredaktion Susanne Hermanski. Der vierte Finalist wurde durch ein Online-Voting bestimmt. Dieser Publikumsfavorit, Levent Geiger, bekam mit seinem Bewerbungssong "Looking for you" online rund 6000 Stimmen und ist als Zehntklässler das jüngste Mitglied der Finalistenrunde.

Die große Bühne ist für den Nachwuchs aus Stockdorf jedoch kein Neuland. Bereits 2015 stand Levent Geiger im Finale der Kika/ZDF Produktion "Dein Song", er gewann zahlreiche Preise bei Jugend musiziert und sein Song "Hottest Girl" (feat. Nico Santos) wurde auf Youtube bereits mehr 300 000 mal aufgerufen. Das junge Talent spielt Schlagzeug, Klavier, Gitarre und Saxofon und integriert in seinem Bewerbungsstück traditionelle lateinamerikanische Beats des peruanischen Cajon und der kubanischen Bongos in seinen klassischen Pop Song.

Die nächste Finalistin wurde von der Jury gewählt und ist nur ein Jahr älter als ihr medienpräsenter Konkurrent. In ihrem Song "Tradition and Modernity" setzt die Singer-Songwriterin Annalea Hummel die Thematik des Wettbewerbs hauptsächlich auf der Textebene um. In ihrem ruhigen Gitarrenstück kommt sie zu dem Schluss, dass sowohl Tradition als auch Moderne nur Begriffe sind, die Identität und Heimatgefühl beschreiben. Auch dieses junge Talent aus Leipzig war bereits im "Dein Song" Finale 2018 und ist Gewinnerin des Jugendkunstpreises 2017. Als "Perfektionistin", wie sie über sich selbst sagt, möchte sie "mit ihrer Musik anderen Menschen das Gefühl geben, mit ihren Problemen nicht alleine zu sein".

Eine Fusion aus Klassik und Cloud-Rap liefert die Gruppe Blaurosa aus Dorfen. Anna-Sophie Kraus, Andreas Begert, Caroline Adler und Anna Godelmann kombinieren für ihren Beitrag "Odysseus" einen Teil der Oper "Il ritorno d'Ulisse in patria" von Claudio Monteverdi mit einem eigenen Popsong und elektronischen Beats. Die Berufsmusiker sehen Musik als Verbindung zwischen Altem und Neuem.

Einen weiteren Platz im Finale des Musikwettbewerbs konnte sich die Band Zweifel und Caecilia aus Hildesheim sichern. In ihrem "Gstanzl Digital" stehen sich die beiden Musikpädagogen Michael Dwumoh und Valentin Penninger selbst gegenüber. Auf der einen Seite als traditionelles Duo in Lederhosen mit Geige und Gitarre, auf der anderen Seite als modernes Ensemble in Hipster-Montur mit E-Gitarre und Live Elektronik. Die beiden arbeiten als DJs, spielen Konzerte und haben vor kurzem ihre erste Messe komponiert. Neben kultureller und musikpädagogischer Arbeit wollen sie Musik jenseits von Genregrenzen schaffen.

Der Sieger oder die Siegerin wird im Anschluss an die Auftritte vom Publikum vor Ort per Applausabstimmung gekürt und erhält ein Preisgeld von 5000 Euro. Rund um den Musikwettbewerb im Rahmen der Münchner Opernfestspiele gibt es in dieser Nacht zahlreiche künstlerische Höhepunkte. Nach der offiziellen Eröffnung um 19 Uhr gibt der 220-köpfige Unicredit Opernchor seine Premiere, und in elf Spielstätten bieten verschiedene Künstler Einblicke in die Opern-, Konzert- und Literaturszene. Mit dabei sind internationale Größen der Bayrischen Staatsoper wie Pavol Breslik und ARD-Preisträger Milan Siljanov. Kinder von vier Jahren an können sich erstmals auf ein Kinderkonzert freuen. Rund 13 000 Gäste werden zu diesem Kulturfest in der Münchner Innenstadt erwartet, bei dem nicht nur klassische Opernfans vielseitige Unterhaltung und neue Inspiration erwartet.

Die Grenzen zwischen den Genres bleiben fließend. Wie auch die traditionelle Personifizierung von Zweifel und Caecilia in ihrem Gstanzl feststellt: "Modernes kommt auch irgendwo her - sonst hat das Neue keine Erdung mehr. Bewährtes geht auch irgendwo hin, sonst macht das Alte keinen Sinn."

Unicredit Festspielnacht, 29. Juni, von 19 Uhr an, versch. Spielstätten in der Innenstadt, Eintritt frei

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4491098
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.06.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.