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Finanzspekulation:Insiderhandel der neuen Art

Radikale Konsequenzen aus der Finanzkrise: Die US-Börsenaufsicht zeigt einen Händler der Deutschen Bank an und will moderne Finanzprodukte scharf überwachen.

Nikolaus Piper

Die US-Börsenaufsicht hat einen Händler der Deutschen Bank und einen Hedgefonds-Manager wegen des Verdachts auf Insiderhandel angezeigt. Beide Banker sollen ihr Insider-Wissen missbraucht haben, um mit Credit-Default-Swaps (CDS) zu spekulieren. Es ist das erste Verfahren der SEC im Zusammenhang mit diesen neuartigen Finanzprodukten. Die von Präsident Barack Obama ernannte Chefin der Behörde, Mary Schapiro, schlägt damit bei der Finanzaufsicht einen härteren Kurs ein.

Deutsche Bank, dpp

Ein Händler der Deutschen Bank steht unter dem Verdacht des Insiderhandels. Die US-Börsenaufsicht hat ihn deshalb angezeigt.

(Foto: Foto: ddp)

Credit-Default-Swaps gelten als einer der Auslöser der globalen Finanzkrise. Der Großinvestor Warren Buffett bezeichnete sie als "finanzielle Massenvernichtungswaffen". Bei Ausbruch der Krise überstieg der Nominalwert aller CDS in der Welt mit 62 Billionen Dollar den des Weltsozialprodukts. Im Prinzip ist ein CDS nichts anderes als ein Instrument, mit der sich Käufer von Anleihen dagegen versichern können, dass der Emittent zahlungsunfähig wird.

Wer ein CDS erwirbt, zahlt an den Verkäufer regelmäßig eine Gebühr. Tritt der Versicherungsfall ein und die Anleihe wird notleidend, bekommt er eine vorher festgelegte Summe. Im Gegensatz zu normalen Versicherungen unterliegen CDS bisher jedoch keiner Aufsicht. Wer CDS ausgibt, muss dafür kein Kapital bereitstellen. CDS werden auch nicht an Börsen gehandelt; Kauf und Verkauf müssen immer individuell vereinbart werden.

Deal überwiegend fremdfinanziert

Der Preis eines CDS entwickelt sich immer gegenläufig zu dem der dahinter liegenden Anleihe. Steigt das Risiko, dass ein Unternehmen pleite geht, werden dessen Anleihen billiger, die Kosten, sich dagegen zu versichern, steigen und damit auch der Preis des CDS. Dieser Effekt tritt bereits dann ein, wenn sich ein Unternehmen neue Schulden auflädt, zum Beispiel bei einer kreditfinanzierten Firmenübernahme. Und genau darum geht es in dem neuen SEC-Verfahren.

Das Zivilverfahren, das die SEC beim US-Bezirksgericht in Manhattan einreichte, richtet sich gegen Jon-Paul Rorech, einen 38 Jahre alten Händler der Deutschen Bank, und Renato Negrin, 45, einen früheren Manager des Hedgefonds Millenium Partners. Rorech soll Negrin vorab über eine Firmenübernahme unterrichtet haben. Dabei handelt es sich um den niederländischen Medienkonzern VNU, der 2006 von Finanzinvestoren übernommen wurde.

Die Investoren hatten den Deal überwiegend fremdfinanziert. Negrin habe einen ungerechtfertigten Gewinn erzielt: Er wusste, dass der Schuldenstand von VNU steigen würde und deckte sich rechtzeitig mit den entsprechenden CDS ein. VNU trägt heute den Namen Nielsen Company. Das Unternehmen untersucht unter anderem die Wirksamkeit von Werbung.

Unfaire Vorteile

James Clarkson, Direktor des New Yorker SEC-Büros, erklärte zu dem Verfahren: "CDS mögen für den normalen Privatanleger immer noch unverständlich sein. Aber es gibt nichts Unverständliches, wenn es um betrügerischen Handel aufgrund unfairer Vorteile geht. Auch wenn die meisten Teilnehmer im Handel mit CDS wohlinformierte Profis sind, müssen die Spielregeln gleich sein, auch bei den kompliziertesten Finanzprodukten."

Nach den Unterlagen der SEC spielte sich der Insiderhandel so ab: Rorech rief Negrin am Morgen des 14. Juli 2006 an und unterrichtete ihn von den Details der geplanten VNU-Übernahme. Negrin fragte, wie wahrscheinlich der Deal sei. Rorech antwortete: "Du hörst mein Schweigen, nicht wahr?" Dann legten sie auf und unterhielten sich drei Minuten auf ihren Handys. Um Insiderhandel zu verhindern, werden normale Telefone in den Handelssälen der New Yorker Banken in der Regel abgehört, Handys jedoch nicht.

Am 18. Juli kaufte Negrin CDS für 20 Millionen Dollar, an denen er 1,2 Millionen Dollar verdiente. Die Anwälte von Negrin und Rorech bezeichneten das SEC-Verfahren als unbegründet. Die Deutsche Bank erklärte, sie arbeite mit der Behörde zusammen. Rorech wurde in bezahlten Sonderurlaub geschickt.

SEC-Chefin Schapiro hatte nach ihrem Amtsantritt eine härtere Gangart angekündigt. Das jetzige Verfahren dürfte Pilotfunktion haben. Dabei testet die Behörde ihre Grenzen auf doppelte Weise. Sie hat noch nie in den Handel mit verbrieften Krediten interveniert. Zudem sitzt das Unternehmen, um dessen Anleihen es ging, in den Niederlanden.

© SZ vom 07.05.2009/kaf/mel
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