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Die Frage nach dem Taschengeld:Lasst sie in Ruhe!

Illustration: Stefan Dimitrov

Knallfrösche oder Süßigkeiten? Wenn Kinder entscheiden dürfen, was sie kaufen, lernen sie, mit Geld umzugehen. Doch viele Eltern wissen nicht, wie viel Taschengeld sie geben sollen. Und möchten dann doch auch gerne mitbestimmen, was gekauft wird.

Von Maike Brzoska, Berlin

Manchmal schüttelt Christiane Teetz einfach nur den Kopf. 3,50 Euro Taschengeld bekommt ihr zwölfjähriger Sohn in der Woche. Nicht selten trägt er sie noch am gleichen Tag zum Kiosk, irgendetwas Leckeres findet sich dort immer. An den restlichen Tagen werden die Augen öfter mal groß, zum Beispiel vor der Eistruhe im Supermarkt. Oft gibt Teetz nach, obwohl die Abmachung eigentlich lautet, dass Süßigkeiten vom Taschengeld bezahlt werden. "Mir fällt es schwer, das konsequent durchzuziehen", sagt sie.

Das Dilemma der Eltern

Das Dilemma von Christiane Teetz kennen die meisten Eltern. Jörg Lampmann, Diplom-Psychologe und Familienberater der Stadt Hamburg, rät Eltern dennoch, in solchen Situationen nicht nachzugeben. "Den Frust müssen sie aushalten". Er meint den Frust der Kinder, kein Eis zu bekommen, wenn das Taschengeld alle ist. So lernen sie, dass Geld nicht unbegrenzt verfügbar ist, sondern dass sie es sich einteilen und auch mal verzichten müssen, wenn sie sich später noch Wünsche erfüllen möchten. Eine wichtige Lektion.

Ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr, so empfiehlt Lampmann, sollten Kinder über kleine Beträge verfügen können. Wichtig ist, dass es eine feste Summe ist, die regelmäßig ausgezahlt wird. Und dass das Taschengeld nicht an Bedingungen geknüpft ist, wie beispielsweise Zimmer aufräumen oder gute Noten in der Schule. Außerdem sollten die Kinder davon kaufen können, was sie wollen. Auch wenn das bedeutet, dass das Taschengeld gleich am ersten Tag für überteuerte Knallfrösche draufgeht. "Hinweise dürfen die Eltern geben, aber die Entscheidung trifft das Kind", sagt Lampmann. Sonst mache Taschengeld wenig Sinn.

Christiane Teetz hat noch einen weiteren Sohn. Er ist 15 Jahre alt, bekommt 25 Euro im Monat und spart, anders als sein jüngerer Bruder, jeden Cent. Einen Wunsch, für den er das Geld zurücklegt, hat er nicht. Er möchte es einfach nicht ausgeben. Seine Mutter sagt, sie frage den Sohn hin und wieder, ob er sich nicht dieses oder jenes kaufen wolle, etwa ein schönes T-Shirt. "Nur wenn du mir das bezahlst", lautet die Antwort fast immer.

Von zwei bis 70 Euro

Die Höhe des Taschengeld beschäftigt viele Eltern. "Die einen machen sich Sorgen, dass sie ihr Kind zu sehr verwöhnen, die anderen, dass ihr Kind zum Außenseiter wird, wenn es weniger bekommt als die Freunde", sagt Lampmann. Generell könne man beobachten, dass Eltern, die es sich leisten können, eher zu viel geben als zu wenig, sagt er. Es gibt Vorschläge für die Höhe des Taschengeldes, zum Beispiel vom NRW-Familienministerium. Dort wird empfohlen, Erstklässlern zwischen 1,50 und 2 Euro in der Woche auszuzahlen. Bei älteren Kindern empfiehlt sich eine monatliche Auszahlung, beispielsweise 70 Euro für 18-jährige Teenager. Aber letztlich sollten Eltern überlegen, was das Kind vom Taschengeld zahlen soll und was nicht. Daraus ergebe sich schnell eine Summe. In vielen Familien ist Taschengeld ein ständiges Streitthema.

Denn natürlich bekommen alle Anderen mehr Geld, jedenfalls in den Erzählungen der Kinder. "Genauso wie alle Anderen länger aufbleiben und länger fernsehen dürfen", sagt Lampmann. Er ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Dass die Höhe des Taschengeldes ständig diskutiert wird, liegt auch daran, dass Kinder damit für die eigene Selbständigkeit streiten. Über Geld verfügen zu können, bedeutet, eigene Entscheidungen treffen zu können, einen eigenen Einflussbereich zu haben. "Selbstwirksamkeit" nennt Jörg Lampmann das.

Letztlich bedeutet das eigene Geld also auch, dass Kinder unabhängig werden. Dass sie langsam anfangen, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch Eltern müssen das manchmal erst lernen.

"Ich habe mich plötzlich sehr erwachsen gefühlt"

Christiane Teetz kennt dieses Gefühl aus ihrer eigenen Kindheit. Sie erzählt, dass sie als Teenager mit ihren Eltern eine Abmachung getroffen hat. Ihr Taschengeld wurde um eine stattliche Summe erhöht, dafür musste sie alle Klamotten selbst zahlen. Im Endeffekt habe das die Eltern vermutlich dieselbe Summe gekostet. Die Wirkung, die das auf Christiane Teetz hatte, war groß. "Ich habe mich plötzlich sehr erwachsen gefühlt", erinnert sie sich. Bei ihren Söhnen spielt das Thema Kleidung noch keine große Rolle, sie wundert sich manchmal darüber. Der Große, der so viel spart, sei nicht besonders eitel und mache sich eher wenig aus Markenklamotten. Und das obwohl Familie Teetz in Eppendorf wohnt, einem wohlhabenden Stadtteil von Hamburg. Sie hat den Eindruck, dass die Kinder nicht nur teure Markenkleidung tragen, sondern auch sonst über relativ viel Geld verfügen. "Manchmal mache ich mir Sorgen, dass mein Sohn ins Abseits gerät, wenn er da nicht mithält."

Auch der Jüngere macht sich wenig aus Kleidung. Aber er hätte gerne ein teures Smartphone. Alle in seiner Klasse hätten das, schimpft er oft. Als er sich das Smartphone irgendwann selbst kaufen wollte - er hatte Geld von der Oma bekommen - hat Christiane Teetz ihm das kurzerhand verboten. Bei diesem Thema ist sie dann doch konsequent. "Ich bin der Meinung, mit zwölf Jahren braucht man das noch nicht." Noch trifft sie diese Entscheidung für ihr Kind.

© SZ vom 24.05.2014/webe
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