Deutscher Bauherrenpreis:Zauberwürfel

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Gut und bezahlbar? Dass dies kein Widerspruch sein muss, zeigen die Gewinner des Architektur­wettbewerbs. Zum Beispiel das Haus aus Modulen in Bremen.

Von Ingrid Weidner

Das Haus „Bremer Punkt“ besteht aus Holzmodulen. Je nach Bedarf können so Ein- bis Acht-Zimmer-Wohnungen entstehen. (Foto: Nikolai Wolff)

Viele Neubauten gleichen einander wie eine Schuhschachtel der anderen. Doch es gibt Projekte, die sich aus der Masse hervorheben und Bewohner und Bauherren gleichermaßen begeistern. Auf solche Projekte möchte der Bauherrenpreis aufmerksam machen, der alle zwei Jahre vergeben wird. Ziel des undotierten Preises ist es, andere Bauherren zu inspirieren, ihren Bestand an Wohnungen mit mehr Mut zu erneuern und überhaupt innovativer zu bauen - ohne die Kosten dafür aus dem Auge zu verlieren. Dass Qualität nicht unbedingt teuer sein muss, zeigen die Gewinner.

Wohnungsgesellschaften und Bauämter in Großstädten beschäftigt oft die gleiche Frage: Wie kann es gelingen, qualitativ ansprechenden Wohnraum zu bezahlbaren Mieten zu schaffen? Auch in Bremen trieb diese Frage die Verantwortlichen der Wohnungsbaugesellschaft Gewoba (Gemeinnützige Wohnungsbaugemeinschaft der Freien Gewerkschaften für Bremen und Umgegend) um. Ähnlich wie anderswo fehlen auch dort bezahlbare Wohnungen. Gleichzeitig hat die größte Wohnungsbaugesellschaft in Bremen und Bremerhaven etwa 42 000 Wohnungen im Bestand, darunter große Quartiere aus den Nachkriegsjahren. Diese Siedlungen aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren mit überwiegend viergeschossigen Wohnriegeln verfügen über großzügige Grünflächen.

Hohes Tempo: Die vier Stockwerke wurden in nur vier Wochen aufgebaut

Wie könnte eine gelungene Nachverdichtung in diesen Quartieren aussehen? Die Gewoba entschied sich für einen Wettbewerb und war von den Entwürfen von LIN Architekten Urbanisten aus Berlin überzeugt. Corinna Bühring, Architektin und Projektleiterin der Gewoba, entwickelte gemeinsam mit dem Berliner Architektenbüro die Idee vom "Bremer Punkt" weiter, ein viergeschossiges Punkthaus mit einer Grundfläche von 14 mal 14 Metern, gefertigt aus modularen Holz-Fertigelementen. Der große Vorteil des Wohnwürfels ist seine Flexibilität.

"Wir haben Prototypen für ganz unterschiedliche Wohnungszuschnitte entwickelt, die sich flexibel zusammensetzen lassen. Pro Wohnhaus gibt es bis zu 60 mögliche Kombinationen je Geschoss, von der Ein- bis zur Sechszimmerwohnung", sagt Bühring.

Alle Wohnungen in den Punkthäusern sind barrierefrei und über einen Fahrstuhl erreichbar. Große Fenster und Loggien öffnen die Wohnungen nach außen, Strom und Wärme wird über eine hauseigene Photovoltaik-Anlage gewonnen. Die Holzmodul-Bauweise erleichtert die Nachverdichtung, denn vorgefertigte Holzmodule verkürzen die Bauzeit und reduzieren die Lärmbelastung für die Nachbarn. "Die Fertigteile für jede Etage werden mit einem Schwertransporter angeliefert. Innerhalb von vier Wochen sind die vier Stockwerke aufgebaut", sagt Bühring.

Die Bewohner der Bremer Gartenstadtsiedlungen waren anfangs skeptisch. Früh informierte die Gewoba über ihre Pläne. "Wir sind offen in die Diskussion gegangen", sagt Bühring. Garagenhöfe und Stellplätze für Autos wollten die Mieter nur ungern aufgeben. Doch im Dialog mit den Anwohnern sei es gelungen, passende Standorte für die Neubauten zu finden, so die Architektin. Während die Planer die neuen Häuser bevorzugt an den Rand setzen wollten, entwickelten sich im Laufe der Gespräche mit den Anwohnern andere Ideen, etwa ungenutzte Innenhöfe, in denen es einen Wildwuchs an Bäumen gab, als Baugrund zu nutzen. Im Lauf der Diskussionen erkannten die Anwohner die Vorteile des Neubaus. "Wir haben den Bremer Punkt in Mieterversammlungen vorgestellt, und viele haben sich dort direkt um eine Wohnung im Neubau beworben", sagt Bühring.

Die ersten drei Punkthäuser in Bremen sind fertig und bezogen. Mit 5,50 Euro Kaltmiete und KfW-55-Standard sind die Wohnungen besonders bei älteren Mietern der Siedlung beliebt, denn im Bestand gibt es kaum barrierefreie Wohnungen. "Ein Drittel der Neubauwohnungen ging bisher an langjährige, ältere Mieter, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind und in ihrer bekannten Nachbarschaft bleiben möchten", sagt Bühring.

Der Charme des Bremer Punkts ist auch, dass sich der kompakte Bau an vielen Standorten umsetzen lässt. Eine Fibel mit den wichtigsten Eckdaten und Grundrissen steht online bereit. In Bremen entwickelt sich das Punkthaus zum Erfolg. Drei Gebäude sind gebaut und bezogen, bei vier weiteren steht der Baubeginn unmittelbar bevor, und für drei weitere gibt es bereits Planungsrecht. Der Bremer Punkt, ein kompakter Wohnwürfel mit flexiblen Grundrissen und barrierefreien Wohnungen, passt vermutlich auch in andere Siedlungen der Nachkriegsmoderne. Das Projekt der Gewoba wurde in Berlin mit einem der zwölf Bauherrenpreise ausgezeichnet.

© SZ vom 23.02.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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