Bankerboni:Champagner? Grad' nicht!

Lesezeit: 2 min

Weil die Geschäfte an der Wall Street schlechter laufen als im vergangenen Jahr, müssen die Banker auf Boni verzichten: Große Geldhäuser steuern angesichts der Wirtschaftskrise um und rücken von alten Gehaltspraktiken ab.

Moritz Koch

Eigentlich ist der Winter die schönste Zeit des Jahres an der Wall Street: Die Bonussaison beginnt. Doch dieses Mal steht die Festzeit im Zeichen der Entsagung. Der Prämienpool, mit dem die Banken ihre Angestellten verwöhnen, dürfte um 20 bis 30 Prozent geringer ausfallen als 2010.

Sept 11. ground zero

Die endgültige Entscheidung über die Höhe der Gehaltszuschüsse fällt erst im Januar, wenn die Banken ihre Ergebnisse für das vierte Quartal veröffentlichen. Doch der Trend zur Sparsamkeit ist schon jetzt absehbar.

(Foto: AP)

Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Beratungsfirma Johnson Associates, die in der Branche große Beachtung findet. Vor allem Investmentbanker, die mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen handeln, müssen damit rechnen, erheblich weniger zu verdienen als im Vorjahr. Bisher waren sie die beneideten Stars. Jetzt erleben sie, wie ihre Aura schwindet.

Die Großbanken steuern um. Die europäische Schuldenkrise, Sorgen um die Weltkonjunktur und die amerikanische Finanzreform zwingen sie, von ihren alten Gehaltspraktiken abzurücken. Zwar fällt die endgültige Entscheidung über die Höhe der Gehaltszuschüsse erst im Januar, wenn die Banken ihre Ergebnisse für das vierte Quartal veröffentlichen. Doch der Trend zur Sparsamkeit ist schon jetzt absehbar.

Entlassungswelle

Erst vor ein paar Wochen haben die Branchenführer Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley, Citigroup und Bank of America enttäuschende Geschäftszahlen präsentiert. Sie müssen sparen, wo sie können, um das verlorene Vertrauen der Börse zurückzugewinnen. Eine Entlassungswelle ist bereits im Gang. Im September wurden 8000 Jobs in der US-Finanzbranche gestrichen. Bis 2014 will allein die Bank of America 30.000 Jobs eliminieren.

Die Zeiten, in denen mediokre Geldmanager mit Millionenboni bei Laune gehalten wurden, kommen so schnell nicht zurück. Nur wer Top-Leistung bringt, soll weiter hohe Prämien kassieren. Mit geringfügigen Bonussteigerungen können Vermögensberater und jene Banker erwarten, die Unternehmen bei Übernahmen, Fusionen und Börsengängen beistehen. Die meisten anderen müssen mit weniger Vorlieb nehmen. Gerade für die Luxusrestaurants, Juweliere und Autohändler in Manhattan sind das schlechte Nachrichten. Ihr Geschäft ist auf die Kauflust der Bonusbarone ausgerichtet.

Für die meisten Wall-Street-Banker machen Prämienzahlungen den Hauptteil ihres Einkommens aus. Das Grundgehalt für einen durchschnittlichen Beschäftigten beläuft sich auf 100.000 Dollar. Der Exzess kommt erst im Januar, wenn die Boni ausgeschüttet werden. So konnten Mitarbeiter von Goldman Sachs in besonders guten Jahren im Schnitt mehr als 600.000 Dollar einstreichen. Die Gehälter an der Wall Street haben sich so weit von den Verdienstmöglichkeiten im Rest des Landes entfernt, dass auch die jetzige Korrektur kaum einen Einfluss auf die Gehaltsschere hat, die in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren aufgesprungen ist.

Bonuskultur als Antrieb für die Anti-Wall-Street-Demonstranten

Seit der Finanzkrise steht die Bonuspraxis an der Wall Street weltweit in der Kritik. Die Prämien geben Händlern Anreize, riskante Geschäfte einzugehen, um die Gewinnmöglichkeiten nach oben zu hebeln. Mechanismen, einmal ausgezahlte Boni zurückzufordern, wenn die Finanzwetten schief gehen, greifen in der Regel nicht.

Die Bonuskultur der Banker ist auch ein wichtiger Antrieb für die Anti-Wall-Street-Demonstranten, die seit dem Spätsommer in Lower Manhattan campieren. Besonders groß war die Empörung über die Gehaltsprämien bei Pleitekandidaten wie dem Versicherungskonzern AIG und der Investmentbank Merrill Lynch. Meldungen, wonach das Brokerhaus MF Global in Großbritannien noch Boni ausgeschüttet habe, bevor es vergangene Woche Insolvenz anmeldete, könnten der Debatte um die Gier im Finanzgewerbe neuen Auftrieb geben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema