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Banker im Dilemma:Eine verhängnisvolle Affäre

Es passierte, was passieren musste: Die Nachfrage nach Triple-A-Anlagen schnellte nach oben. Die Banken schufen künstliche Triple-A-Anlagen aus allem, was der Markt hergab, eben auch aus den berüchtigten Papieren des Immobilienmarktes. Und so hat sich seit 2003 das Angebot Jahr für Jahr nahezu verdoppelt.

Das funktionierte, weil das Ausfallrisiko künstlich reduziert wurde: Gleich einem Küstenabschnitt, der durch mehrere hintereinander liegende Dämme geschützt wird, sollte in der Welt der Kredite ebenfalls ein Schichtprinzip gelten: Tausende Darlehen wurden zusammengeschnürt und dann in mehrere Lagen aufgeteilt.

Triple-A-Blase entsteht

Mögliche Zahlungsausfälle sollten von den riskanteren Schichten absorbiert werden. Darum galt die beste Schicht - von den Bankern die "Super-Seniortranche" genannt - als so sicher, dass sie mit dem dreifachen A benotet wurde. Man konnte sich nicht vorstellen, dass die Flut sämtliche Dämme brechen würde. Anschließend schufen die Banken aus den schlechteren Schichten wieder neue Papiere, die dann ebenfalls das Triple-A trugen. Das System wurde total ausgereizt - die Triple-A-Blase entstand.

Als sich dann noch zeigte, dass die künstlichen Papiere eine bessere Rendite abwarfen als herkömmliche Anleihen, gab es für die Banken kein Halten mehr: Bestes Rating, ordentliche Erträge und geringere Kosten - die Hypothekenpapiere versprachen die beste aller Welten. Die Geldhäuser standen oft auf beiden Seiten: Sie verkauften und kauften diese gefährlich schönen Papiere.

Wer Bedenken äußerte, galt als Zauderer. Dabei gab es viele Gründe, stutzig zu werden. Vor allem: War ein Triple A immer ein Triple A, ganz gleich, welcher Wertpapierkategorie es galt? Viele Banker beantworteten das für sich mit einem "Ja". Dabei gab es einen wichtigen Hinweis darauf, dass es nicht so war: die ungewöhnlich hohe Rendite. Höhere Rendite bedeutet immer höheres Risiko. Wie konnte es also sein, dass ein synthetisches AAA-Papier eine bessere Rendite abwarf als etwa eine Anleihe mit A-Rating?

Diese Frage wurde durchaus gestellt, doch die Verkäufer solcher Wertpapiere hatten stets Argumente gegen das Unbehagen parat. Etwa: "Die riskanteren Papiere ließen sich besonders teuer verkaufen - darum kann ich Ihnen für die beste Tranche einen besonders guten Preis machen", zitiert ein Händler ein typisches Verkäuferargument. Man habe sich dann immer wie ein Gewinner gefühlt - die Dummen waren die anderen.

Falsche Argumente

Die komplexen Wertpapierstrukturen hätten die Wahrheit verwischt und alles plausibel gemacht. Ein weitere typische Rechtfertigung für höhere Renditen war, dass die Papiere weniger liquide seien, und sich darum am Markt nicht so leicht verkaufen ließen. Außerdem seien sie weniger transparent.

Diese Aussagen seien aber lächerlich, kritisiert ein Marktkenner: "Es kann nicht mehr rauskommen als reingesteckt wird. Wenn ich Kartoffeln kaufe und anschließend wieder verkaufe, bleibt der Preis auf ähnlichem Niveau. Wenn ich aber Kartoffelchips daraus mache, werden die Kartoffeln erheblich teurer, weil ich einen großen Aufwand damit habe." So sei es auch am Kreditmarkt: "Nehme ich den hohen Aufwand auf mich und strukturiere Wertpapiere komplett neu, soll die Arbeit einen Ertrag abwerfen. Das funktioniert aber nicht, wenn ich am Ende auch noch mehr Zinsen zahle."

Wenn einer es genauer wissen wollte, tauchte er plötzlich tief in eine Welt voller Modelle ein, die von Mathematikern und Physikern dominiert wurde. "Betriebswirte habe ich da nicht mehr getroffen", erinnert sich ein Kreditexperte. "Stattdessen wurde ich schwindelig gerechnet."

Genau das war das Problem: Weil viele nicht mehr verstanden haben, was passiert, gab es eine Kette billigen Vertrauens. Die Käufer verließen sich auf die Verkäufer, die Ratingagenturen auf die Banken, und die Banken auf die Ratingagenturen.

Die Geldhäuser ließen ihr ureigenstes Geschäft, die Kreditanalyse, extern von den Ratingagenturen erledigen. Das war die günstigste Lösung: Annahmen, Daten und Wahrscheinlichkeiten, mit denen Kredite in großer Zahl schnell beurteilt werden können, kosten weit weniger als eine herkömmliche Kreditprüfung.

Auf der nächsten Seite: Wie die Ratingagenturen überrannt wurden

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