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Banker im Dilemma:Eine verhängnisvolle Affäre

Tricks, Irrglaube, falsche Sicherheit und Gier: Die Finanzkrise ist ein eindrückliches Lehrstück dafür, wie ausgerechnet das Streben nach mehr Sicherheit zu einem gigantischen Scherbenhaufen führte.

Hans von der Hagen

Unvorstellbare Summen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten rund um den Globus in Nichts aufgelöst: 400 Milliarden Dollar, vielleicht auch eine halbe Billion Dollar. Niemand weiß es genau. Es scheint auch kaum noch einen Unterschied zu machen.

Das Herz der Finanzwelt: Manhattan

(Foto: Foto: AFP)

Für die Banken übersetzen sich diese Zahlen allerdings in bisher nicht gekannte Lasten: In den USA drohen zahlreiche Banken zu kollabieren. Die weltgrößte Vermögensverwalterin, die UBS, die unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise vor Kraft nur so strotzte, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst und sogar Deutschlands Biederinstitute wie die IKB oder einige Landesbanken können die Krise nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen.

Ihre enorme Wucht unterscheidet die Krise von frühen Katastrophen am Finanzmarkt. Und noch etwas ist anders: Vielen Banken wähnten sich bis unmittelbar vor Ausbruch der Krise in Sicherheit.

Ein Ausfall in 1000 Jahren

Darum ist es jetzt nicht damit getan, den ganzen Irrsinn der Kreditkrise auf die Gier einer Branche zu reduzieren. Dass Gier eine treibende Kraft war, streiten nicht einmal Banker ab. Doch die Krise belegt, dass in diesem Fall ein ganzes Investmentsystem den Beteiligten über den Kopf gewachsen ist: Es herrschte blinder Glaube an Modelle voller verheerender Fehler.

Darum ist die Finanzkrise mehr als eine Hypothekenkrise. In ihr steckt auch eine Systemkrise. Sie hat die sicher geglaubte Ordnung an den Finanzmärkten durcheinandergerüttelt.

Für die Ordnung sorgt eigentlich das Notensystem der Wirtschaft - über sogenannte Ratings, die von Gesellschaften wie Moody's, Standard & Poor's oder Fitch vergeben werden.

Die Regel lautet vereinfacht: Wertpapiere und Unternehmen, die ein geringes Ausfallrisiko besitzen, bekommen eine gute Note, riskante Papiere eine schlechtere. Im besten Fall lautet die Note AAA, also "Triple-A", im schlechtesten Fall ist es ein D. Konkrete Ausfallwahrscheinlichkeiten nennen die Ratingagenturen zwar nicht, doch eine Faustregel besagt: Eine AAA-Anlage hat eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent, sprich: ein Ausfall in 1000 Jahren.

Diese Ratings lenken den Strom des Geldes, weil sie die Unterscheidung zwischen sicher und unsicher ermöglichen und damit zwischen renditearm und chancenträchtig.

Lange Zeit war die Welt ganz einfach: Experten schätzen, dass maximal ein Prozent aller Anlagen und Institutionen ein AAA-Rating hatte - Unternehmen wie Exxon Mobile und Staaten wie Deutschland gehören zum Klub der Auserwählten.

Doch in den letzten Jahren ist das Angebot von Anlagen mit dem Dreifach-A förmlich explodiert - man hat einfach synthetische Wertpapiere entwickelt, die scheinbar so ausfallsicher waren, dass sie ein Triple-A-Rating bekommen durften.

Ratings dominieren Bankgeschäft

Mit dem Angebot reagierte der Finanzmarkt auf die rasant wachsende Nachfrage nach diesen Wertpapieren. Zuvor waren Regeln eingeführt worden, die die Welt der Banken revolutioniert hatten: die Eigenkapitalvorschriften des Basel-II-Abkommens. Ein sperriger Name für einen einfachen Vorgang: Das Bankgeschäft sollte sicherer gemacht werden, indem die Banken intern mehr Geld für riskante Anlagen zurücklegten. Den Maßstab für das Risiko wiederum sollte das Rating liefern. Darum ist mittlerweile das gesamte Bankgeschäft von diesen Ratings dominiert: Selbst Privatkunden bekommen eine Risikoeinstufung dieser Art.

Das Bizarre ist, dass ausgerechnet die Regeln, die das Bankgeschäft sicherer machen sollten, ganz entscheidend die Kreditkrise begünstigt haben. Da riskante Investments durch den Zwang zu mehr Eigenkapital teurer werden, setzten die Banken alles daran, intern vor allem Papiere mit besten Ratings im Bestand zu haben: Für sie muss die Bank besonders wenig Eigenkapital vorhalten.

Die Unterschiede sind enorm: Schon für Anlagen mit einem einfachen A musste ein Vielfaches mehr Eigenkapital vorgehalten werden als für ein AAA.

Das Triple A versprach den Banken ein hohes Maß an Sicherheit: "Selbst wenn jemand lieber ein gut einschätzbares herkömmliches Papier mit schlechterem Rating gekauft hätte - er griff zum Triple A, sparte viel Geld und kein Prüfer auf dieser Welt würde ihm ein Problem machen", sagt ein Bankinsider.

Auf der nächsten Seite: Wie die Triple-A-Blase entstand.

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