Ausbauhaus Leben in der Schublade

Das Ausbauhaus Neukölln lässt Eigentümern viel Spielraum bei der Planung.

(Foto: Andreas Friedel & Christoph Naumann naumannfriedel.de)

Um die Kosten zu senken, setzt eine Baugruppe in Berlin-Neukölln auf den Einsatz von vielen vorgefertigten Teilen. Je nach Budget können Käufer der Wohnungen zudem unter mehreren Varianten auswählen: Rohbau, Standard oder Loft.

Von Ingrid Weidner

Im südlichen Teil von Berlin-Neukölln reihen sich Gründerzeitbauten an Wohnblocks der 70er-Jahre, manche sind saniert, viele noch vernachlässigt. Als in dieser Gegend ein 1400 Quadratmeter großes Eckgrundstück zum Verkauf stand, schloss sich eine Gruppe von Leuten zu einer Baugemeinschaft zusammen. Das Architekturbüro Praeger Richter Architekten von Jana Richter und Henri Praeger kam als Planer hinzu. Erfahrungen mit dem gemeinschaftlichen Bauen hatte das Team bereits in Dresden gesammelt. Weil lange Diskussionen innerhalb einer Baugruppe oft die Nerven der Mitglieder und die Geduld der Planer strapazieren, die Bauzeit verlängern und damit auch die Kosten in die Höhe treiben, schlugen die Architekten vor, nur den Rohbau als Gemeinschaftsprojekt zu realisieren. Wie die Wohnungen ausgebaut werden sollten, war jedem Eigentümer selbst überlassen.

Die Idee überzeugte die Baugruppe. Vom ersten Treffen bis zum Einzug vergingen nur zwei Jahre, die Baukosten für eine ausgebaute Wohnung beliefen sich etwa auf 1295 Euro brutto pro Quadratmeter.

Trotz der erschwinglichen Kosten legten die Architekten großen Wert auf Wohnqualität. Jede der 24 Wohnungen hat eine Grundfläche von etwa 118 Quadratmetern und eine Raumhöhe von drei Metern (im Erdgeschoss 3,50 Meter) sowie eine nach Süden ausgerichtete Loggia oder Terrasse von mindestens 20 Quadratmetern. Innerhalb der Wohnungen sollte es keine tragenden Wände geben, um den Eigentümern möglichst viel Flexibilität beim Ausbau zu bieten.

"Der Rohbau funktioniert wie ein Regal. Mit vorgefertigten Spannbetondecken und halbfertigen Teilen für die Wände, die nur noch ausgegossen werden mussten, haben wir pro Geschoss nur zwei Wochen Bauzeit gebraucht", sagt Architektin Jana Richter. Jede der 24 Wohnungen ist "durchgesteckt", also sowohl nach Norden als auch nach Süden ausgerichtet und gleicht damit einer Schublade im Regal. Im gleichen Stil entstanden auch die Loggien, die so kostengünstiger waren als vorgebaute Metallbalkone. "Mit dem hohen Grad an vorgefertigten Teilen konnten wir die Kosten niedrig halten und schnell bauen", sagt Richter.

Den Rohbau und Innenausbau voneinander zu trennen, war ein geschickter Schachzug. Auch den sonst oft üblichen Streit, wer wo einziehen darf, umging die Baugemeinschaft. Egal, ob Erdgeschoss mit Terrasse oder Dachgeschoss - alle Wohnungen waren gleich teuer. Da die Baugemeinschaft im Lauf des Projekts neue Mitglieder dazugewann, wurden die Wohnungen nach und nach verteilt. Auf einen teuren und oft wenig genutzten Gemeinschaftsraum sowie eine Gästewohnung verzichtete die Gruppe.

Die Eigentümer konnten unter mehreren Varianten wählen: Loft, Standard oder Selbstausbau

Für den Innenausbau boten die Architekten drei Varianten an. Handwerklich begabte Menschen konnten die Wohnung als Rohbau für 950 Euro pro Quadratmeter übernehmen und in Eigenregie oder mit professioneller Hilfe Heizung, Boden, Innenwände und Bad individuell ausbauen. "Dafür wurde der Rohbau vom Ausbau baulich und rechtlich getrennt, sodass die Einheit unabhängig vom Gesamtprojekt fertiggestellt werden konnte", sagt Richter. Als offenes Loft über die gesamte Fläche, der Fußboden aus Sichtestrich und die Elektroleitungen auf dem Putz sowie unbehandelte Decken und Wände mit einer Box als Badezimmer kosteten zusätzlich 195 Euro brutto pro Quadratmeter. Eine Standardwohnung mit drei bis sechs Zimmern, Massivholzparkett, gespachtelten Wänden und gestrichenen Decken war für 345 Euro pro Quadratmeter mehr zu haben. Jede Wohnung hatte drei Schachtzugänge für Haustechnik und Heizung. Vier Eigentümer haben sich für den Selbstausbau entschieden, sechs wählten die Loft-Variante und 14 Parteien entschieden sich für eine Standardwohnung.

Das Projekt wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Berlin-Lichtenberg entstand nach diesem Konzept ein weiteres Wohnhaus. Jana Richter erzählt, dass ihr Büro auch mit Unternehmen des Mietwohnungsbaus spricht. Aber immer höhere Anforderungen und Verordnungen machten es schwer, das Konzept für den Mietwohnungsbau zu übersetzen. Wenn es um qualitative Aspekte gehe, zeigten sich manche Unternehmen engstirnig, sagt die Architektin. Selbst einfache Elemente wie ein Wasserhahn im Garten, der Kinder anlocke und Gemeinschaft schaffe, seien nicht immer umsetzbar.

"Architekten sind dafür verantwortlich, dass in einem Gebäude Wohn- und Lebensqualität entsteht", meint sie und wünscht sich bei den Bauherren mehr Aufgeschlossenheit: "Vermieter und Wohnungsbauunternehmen müssen sich Mietern gegenüber öffnen, mehr Leben und Teilhabe an der Hausgemeinschaft zulassen, beispielsweise durch Dachgärten, Gemeinschaftsräume oder Werkstätten." In Neukölln ist dieser Mix aus Offenheit, günstigem Bauen und großzügigem Wohnen gut gelungen.