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Architektin Zaha Hadid:Eine Studentin von Rem Kohlhaas

SZ: Sie waren Studentin von Rem Koolhaas?

Zaha Hadids neuen Museum des 21. Jahrhunderts in Rom: Das MAXXI kann ab sofort vorbesichtigt werden, die reguläre Eröffnung folgt im Frühjahr 2010.

(Foto: Foto: afp)

Hadid: Zwei Jahre lang, danach war ich sechs Monate Partnerin in seinem Büro OMA. Wir wurden enge Freunde, wahrscheinlich, weil wir ähnlich vorgehen. Aber heute sehe ich ihn leider nur noch selten. Weil wir alle ständig hektisch in der Welt herumrasen. Wobei mir die Zeit für meine Freunde heilig ist. Es ist für mich wichtig, sie regelmäßig zu treffen. Wenn man das nicht tut, isoliert man sich allmählich, und das ist schlecht für die Seele. Meine Freunde sind in alle Länder verstreut, sie sind das notwendige Gegengewicht zu meinem Beruf. Denn Architektur ist sehr schwierig und fordernd.

SZ: Besonders für eine Frau?

Hadid: Es ist immer noch eine Männerwelt. Das Fountainhead Syndrom. Kennen Sie den Film nach dem Roman von Ayn Rand mit Gary Cooper? Es geht um einen jungen, sehr begabten Architekten, der kompromisslos, allen Widrigkeiten zum Trotz seiner Vision von moderner Architektur folgt - und am Ende endlich anerkannt wird. Ein wenig fühle ich mich wie er.

SZ: Weil Sie ebenfalls als extrem talentiert galten und jeder Ihre Zeichnungen lobte, Sie aber erst mit 41 Jahren zum ersten Mal für die Firma Vitra bauen durften?

Hadid: Auch. Noch vor zwanzig Jahren wollten die Jungs die Plattform nicht mit Frauen teilen. Inzwischen ist es besser, aber immer noch gibt es vergleichsweise wenige Frauen in diesem Beruf. Obwohl sie oft die besten Studentinnen sind. Aber dann heiraten sie, bekommen Kinder, pausieren und verlieren den Anschluss. Nicht alle, aber leider immer noch zu viele. Hinzu kommt, dass die Bauindustrie von Männern dominiert wird. Auch die meisten Auftraggeber sind Männer. Das meine ich überhaupt nicht gegen sie gerichtet, es ist einfach eine Tatsache.

SZ: Haften der Architektur nicht nach wie vor Klischees an, die als frauenuntypisch gelten?

Hadid: Sie meinen, dass Männer angeblich rationaler und linearer denken. Diese Vorstellung, Architektur müsse eckig und kantig sein. Was wiederum als typisch männlich gilt. Was für ein Unsinn! Das ist ein Stereotyp, das auf die Anfänge des Modernismus zurückgeht, als man für Massenproduktionen wenige Formenraster verwendete. Wie rational sind Männer, die das Planetensystem erforschen? Eben, kein bisschen. Anderseits glaube ich schon, dass Frauen weniger dogmatisch denken.

SZ: Wie ist das bei Ihnen?

Hadid: Mein Vorteil ist, dass es immer noch wenige weibliche Rollenmodelle in meinem Beruf gibt. Deshalb habe ich einen größeren Freiraum. Aber den konnte ich erst nach Jahren genießen. Am Anfang, als ich nach London kam, fühlte ich mich wie eine Vertriebene, eine Außenseiterin, fehl am Platz. Ich glaube, ich habe die Leute verwirrt mit der Art, wie ich mich kleidete, mit dem, was ich tat. Darüber vergaßen sie, dass ich gute Arbeit lieferte.

SZ: Manche halten Sie für exzentrisch. War das ein Grund?

Hadid: Als Kind galt ich als exzentrisch. Vielleicht, weil ich mit zehn Jahren meine Spielsachen aus dem Kinderzimmer warf und mir stattdessen einen Schreibtisch und eine Bücherwand hineinstellte. Ich wollte ein Arbeitszimmer haben, wie mein Vater. Bin ich exzentrisch? Okay. Ich befolge keine Regeln, oder besser: nur meine eigenen. Vielleicht ist das der Keim für Exzentrik. Und meine Wahlheimat ist Großbritannien, das einzige Land, in dem man künstlerisch erfolgreich und zugleich exzentrisch sein kann. Jedoch nur, solange man sich in der Phase der Versuche befindet. Sobald es um die Realisierung von Projekten geht, wird man nicht mehr unterstützt.

SZ: Bauen Sie nicht gerade in London die Schwimmhalle für die Olympischen Spiele 2012?

Hadid: Richtig. Das erste Projekt, das ich in Großbritannien realisieren konnte, war 2006 eine Reha-Klinik für eines der Maggies Krebszentren in Kircaldy. Allmählich wird es besser. In Deutschland steht mein erstes Gebäude in Weil am Rhein. Ihr habt mich früh verstanden!

SZ: Welches würden Sie als Ihr bisher ehrgeizigstes Bauwerk in unserem Land beschreiben?

Hadid: Vielleicht das Phaeno in Wolfsburg, das Wissenschaftszentrum. Weil es so unglaublich komplex konstruiert ist. Es scheint auf seinen asymmetrischen Kegelfüßen zu schweben, aber dahinter steckt eine logistische Höchstleistung, mit diesen unterschiedlichen Volumen und den Betonmassen so umzugehen, dass sie schwerelos wirken.

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