Architekt Robuste Konzepte

Städte müssen sich gegen extreme Wetterlagen wie zum Beispiel lange Hitzeperioden oder kräftige Niederschläge wappnen. Wie das Metropolen in Deutschland gelingen kann, erklärt der Architekt Axel Bienhaus.

Interview von Lars Klaaßen

Sehr heiß und trocken, sehr viel Regen oder eiskalt: Immer häufiger gibt es extreme Wetterlagen. Für Hausbau und Städteplanung bringt dies neue Herausforderungen. Hinzu kommen der demografische Wandel und die Digitalisierung. Axel Bienhaus, Geschäftsführender Gesellschafter bei Albert Speer + Partner, Frankfurt, erläutert die Folgen.

SZ: Herr Bienhaus, der Klimawandel wird auch beim Hausbau zunehmend ein Thema. Dabei wird oft das Schlagwort "Resilienz" genannt. Was hat es damit auf sich?

Axel Bienhaus: Resilienz steht für Widerstandsfähigkeit, für Anpassungsfähigkeit, aber auch für den Erhalt der Entwicklungsfähigkeit. In der Stadtforschung und in stadtplanerischen Projekten wird der Begriff international primär im Kontext des Klimawandels aufgegriffen. Die Folgen der Erderwärmung, die damit einhergehenden Wetter- und Klimaphänomene und deren Auswirkung auf die Stadt und ihre Infrastruktur stehen im Vordergrund. Betrachtet man zusätzlich die Stadtgesellschaft, so ist auch die Digitalisierung ein globaler Trend, auf den eine resiliente Stadt eine geeignete Antwort finden muss.

In Städten wie Dubai ist die Hitze eine große Herausforderung. Auch europäische Städte wappnen sich gegen extrem hohe Temperaturen.

(Foto: Karim Sahib/AFP)

Und die Bevölkerungsentwicklung?

Neben dem Klimawandel und der Digitalisierung ist auch die Demografie ein großes Thema. Umgang mit Bevölkerungsrückgang kann ebenso eine Aufgabe der zukünftigen Stadtentwicklung sein wie die Schaffung ausreichender Kapazitäten und Ressourcenmanagement unter starkem Siedlungsdruck. Allen gemeinsam ist aber die Erkenntnis, dass es robuste, flexible Stadtentwicklungskonzepte braucht, um den vielfältigen und sich schnell verändernden Anforderungen zu begegnen. Welche Herausforderungen sich stellen und wie man ihnen begegnen kann, zeigt sich besonders deutlich in Ländern mit einer höheren Entwicklungsdynamik als in Deutschland oder Europa.

Sehen wir auf anderen Kontinenten bereits unsere Zukunft?

Zumindest sehen wir Phänomene, die uns in Zukunft auch in Europa bewegen werden. Stadtentwicklungen in Fernost oder auf der arabischen Halbinsel werden derzeit in völlig anderen Maßstäben und Dimensionen gedacht und geplant, als dies in Europa möglich ist. Dies erlaubt vielfach auch ein grundsätzlich neues Aufsetzen von Infrastrukturen und urbanen Systemen. In bestehenden Städten muss dagegen mit der vorhandenen Substanz, mit Einschränkungen und vorhandenen Qualitäten umgegangen werden.

Wie verändert der Klimawandel den Hausbau?

Resilienz bezogen auf die Auswirkungen des Klimawandels beziehungsweise auf die Verminderung der ihn treibenden Faktoren setzt sich mit dem Bauen unter Extrembedingungen auseinander, aber auch mit dem Bauen unter dem Primat der Ressourcenschonung. Hier ergeben sich verschiedene Handlungsfelder und -treiber.

Zum Beispiel?

Im stadtplanerischen und städtebaulichen Maßstab reagieren wir zum Beispiel über die Wahl geeigneter Siedlungsstrukturen und die Gestaltung der Freiflächen auf die Auswirkungen des Klimawandels. Diese sind etwa höhere Außentemperaturen und ein vermehrtes Auftreten von Wetterextremen, beispielsweise Starkregenereignissen. Dabei interpretieren und übertragen wir auch unsere Erkenntnisse aus Projekten in Ländern, in denen solche Klimabedingungen schon seit Langem vorherrschend sind, beispielsweise in der Golfregion. Dem Thema Hitze kann man bereits auf der strukturellen Ebene begegnen, indem man die Luftdurchströmung bei der Anordnung und Ausrichtung von Gebäuden berücksichtigt, die Verschattung öffentlicher Flächen plant oder Grün als Klimapuffer und Luftverbesserer einsetzt. Dies nicht nur am Boden, sondern auch an Fassaden und auf Dächern.

2018 gab es den heißen Sommer, 2017 kämpften viele Hausbesitzer mit dem Wasser.

Dem Thema Starkregen begegnen wir bereits seit Langem technisch, etwa durch entsprechende Dimensionierung von Entwässerungssystemen. Doch dies reicht oft nicht aus, daher muss Niederschlagswasser in Extremfällen gepuffert werden. Hier ist der Begriff der "Schwammstadt" geprägt worden. Dieser bezieht sich auf die Nutzung öffentlicher Freiflächen als Zwischenspeicher, um das Niederschlagswasser verlangsamt zu versickern oder abzuleiten. Man kann solche Flächen geschickt in die Freianlagengestaltung integrieren. Wegweisend ist auch der Einsatz von Materialien, die Luftschadstoffe binden beziehungsweise umwandeln. Sowohl in der Fassade als auch bei den Bodenbelägen setzen wir fotokatalytisch wirkenden Beton und Zement ein, der Stickoxid in ungiftiges Nitrat umwandeln kann und relevant zur Verbesserung der Luftqualität beiträgt.

Beton und Zement für bessere Luft?

Gewissermaßen. Dies führt zu einer weiteren Eingriffsmöglichkeit, nämlich der Verringerung der Emissionen durch energie- und ressourcenschonende Gebäude und Materialien. Die Verwendung von Grün an Fassade und Dach kann neben der Funktion als Klimapuffer die CO₂-Konzentration in der Luft reduzieren. Wir sammeln bereits Erfahrung mit Recyclingmaterialien oder dem verstärkten Einsatz von nachwachsenden Baustoffen, beispielsweise Holz.