Süddeutsche Zeitung

Zündfunk Netzkongress:Die Zukunft gehört Konzernen und Geheimdiensten

Dystopie Internet: Hacker und Netzaktivisten treffen sich in München - die Stimmung ist rabenschwarz. Das liegt auch an Google und Facebook.

Von Jannis Brühl

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen: "Niemand hat je wegen einer Online-Debatte seine Meinung geändert. Niemand." Linus Neumann blickt von der Bühne des Münchner Volkstheaters in den Saal, in dem sich kein Widerspruch regt. Der Hacker mit der einhornartigen Tolle vom Chaos Computer Club hat eine selten ausgesprochene Wahrheit mitgebracht: Wer auf Twitter gegen Flüchtlinge hetze, den könne man nicht bekehren. Es ist nicht die Einzige auf dem Zündfunk Netzkongress von Süddeutscher Zeitung und Bayerischem Rundfunk an diesem Wochenende. Einige der klügsten Köpfe, die über das Internet nachdenken, treffen sich hier zum dritten Mal. Und ihre Gedanken sind in letzter Zeit eher nüchtern.

Im Jahr drei nach den NSA-Enthüllungen und kurz nach den Landesverrat-Ermittlungen gegen Netzpolitik.org ist auf vielen Podien von Euphorie nichts zu spüren. Dafür wird klar: Der Kampf um die Zukunft zwischen Digitalkonzernen, fragmentierten Rechtsräumen und oft ahnungslosen Politikern ist ermüdend. "Früher habe ich gedacht: 'Yeah, Internet - jetzt wird alles geil!'", sagt Neumann. Heute sei es eher eine Dystopie.

Leena Simon, die mit Neumann auf der Bühne sitzt, hat als Feministin und Piratin erfahren, welchen Schaden Shitstorms anrichten: "In dem Moment, in dem ich mit Scheiße beworfen werde, bin ich nicht mehr fähig, konstruktiv auf Kritik zu reagieren." Eine Lösung für den Umgang mit Hass im Netz hat sie nicht parat.

Held derer, die sich vom Netz ultimative Freiheit erhoffen

Ob er noch irgendwelche Empfehlungen an das Publikum habe, wie es sich engagieren könne, wird Peter Sunde am Ende seines Vortrages gefragt. Die Antwort ist kurz: "Nein." Kurz zuvor hat der Finne verkündet: "Die Zukunft gehört nicht wirklich uns." Sondern Konzernen wie Google und Facebook sowie US-Geheimdiensten.

Dass ausgerechnet Sunde keine Vision hat, ist tragisch. Der Mitgründer der Filesharing-Webseite "The Pirate Bay" ist ein Held derer, die sich vom Netz ultimative Freiheit erhoffen. Über die Seite waren Filme und Musik geteilt worden. Vergangenes Jahr musste Sunde wegen Urheberrechtsverletzungen sechs Monate ins Gefängnis. Wenn Sunde alte Briefe an die Wand projiziert, in denen er den Anwälten der Verwerter empfiehlt, sich ihre Abmahnungen sonstwohin zu stecken, ist das zwar lustig, zeugt aber auch von einer unschuldigen und anarchischen Zeit, die vorbei ist.

Beckedahl: "Bis heute ist ungeklärt, wer wann was wusste"

Auch die Geschichte, die Markus Beckedahl erzählt, ist trotz seiner guten Laune keine lustige. Im blauen "Landesverrat"-Kapuzenpullover, schnell sprechend und atemlos, führt der Journalist von Netzpolitik.org die Zuhörer durch die Ermittlungen gegen ihn und seinen Kollegen Andre Meister: Wie sie interne Dokumente des Verfasssungsschutzes zur Überwachung sozialer Medien veröffentlichten, Generalbundesanwalt Harald Range gegen sie ermittelte und am Ende selbst sein Amt niederlegen musste. Dann erinnert Beckedahl daran: "Bis heute ist ungeklärt, wer wann was wusste." Er wisse immerhin, dass Bundesinnenministerium und Kanzleramt gelogen hätten.

Die Geschichte ist für Beckedahl gut ausgegangen. Die Ermittlungen wurden nach einem öffentlichen Aufschrei eingestellt. Doch der Fall erinnert daran, welche Sprengkraft die Frage nach der Freiheit im Netz entwickeln kann.

Zu Beckedahl auf die Bühne kommt die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und erklärt sich solidarisch. Sie warnt vor dem "Zombie" Vorratsdatenspeicherung. Möglicherweise werde sie selbst klagen, es brauche eine Strategie, wie das geplante Gesetz der Großen Koalition möglichst schnell vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH) gebracht werden könne: "Das Ding landet am Ende beim EuGH. Und dann wird es geschluckt."

Hoffnung in der Technologie selbst

Jenseits der politischen und juristischen Kämpfe findet sich auf dem Kongress aber doch noch die Hoffnung auf eine bessere Welt - in der Technologie selbst. Mehrere Vorträge zeigen, wie digitale Technik Flüchtlingen hilft. Und bei Autorin Anke Domscheit-Berg mischen sich Visionen aus dem Silicon Valley mit denen von Marx. Eine "Demokratisierung der Produktionsmittel" könne es den Ärmsten der Erde bald ermöglichen, Prothesen und saubere Wasserhähne billig herzustellen, an die sie sonst nie kommen würden. Die kämen dann aus dem 3-D-Drucker.

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