Wikimedia-Stiftung:Probleme macht nicht nur das Suchprojekt

Womöglich stutzte die Wikimedia-Führung die hochtrabenden Pläne für die Internetsuche später zusammen. Vielleicht stellte sie die Knowledge Engine gegenüber den Spendern auch größer dar, als sie eigentlich war. Es blieb der Eindruck, dass die Stiftung ein strategisches Projekt anstoßen wollte, ohne darüber mit der Nutzer-Gemeinschaft zu diskutieren.

Plötzlich eskalierten Probleme, die schon lange in der Gemeinschaft schwelen: Neben der Geheimnistuerei um die Suchfunktion auch die Unklarheiten über die Strategie der Wikimedia-Führung, Unmut über die Absetzung von Stiftungsrat-Mitglied Heilman und die Frage, was Wikimedia in Zukunft sein soll: Wissensverbreiter oder Technologiehersteller.

Die aufgestaute Unzufriedenheit wurde zu offenem Widerstand. "Wir haben immer viele Streitigkeiten. Aber das ist beispiellos", sagte Liam Wyatt der Süddeutschen Zeitung bereits Anfang dieser Woche. Wyatt ist ein langjähriger Mitschreiber der Wikipedia und betreibt einen Blog über das Online-Lexikon.

Wikimedia verliert Mitarbeiter

Innerhalb weniger Tage mehrten sich die Forderungen nach einem Rücktritt von Tretikov auf einer öffentlichen Mailingliste für Community-Mitglieder und Mitarbeiter. Wikimedia-Angestellte stellten sich öffentlich gegen ihre Chefin. Sie berichteten über schlechtes Arbeitsklima und mangelnde Strategie. Eine Zeitleiste, die eine Wikipedia-Administratorin kürzlich veröffentlichte, zeigt, dass eine Reihe wichtiger Mitarbeiter die Wikimedia-Stiftung in den letzten Monaten verlassen haben. Ein Analyst nennt öffentlich "andauernden Stress, Verluste und Angst am Arbeitsplatz" als Gründe seines Weggangs.

Die Stimmung verschlechterte sich von Tag zu Tag, Erklärungsversuche von Tretikov konnten die Lage nicht beruhigen. Die Wikimedia-Führung sei ungeschickt vorgegangen und habe handwerkliche Fehler gemacht, sagt Organisationsforscher Dobusch. "Das ist schlechtes Management." Schon Anfang der Woche prophezeiten mehrere Wikipedianer einen Führungswechsel.

Diese Vorhersage ist nun eingetreten und die Wikimedia steht vor der Frage, wie es weitergehen soll. Eine Nachfolgerin für Tretikov zu finden, wird nicht leicht sein. Der Übergang werde dauern, schreibt der Vorsitzendes des Stiftungsrates, Patricio Lorente, an die Wikipedianer. Bis Tretikov gefunden war, dauerte es mehr als ein Jahr. Es ist dem Stiftungsrat zu wünschen, dass er diesmal ein glücklicheres Händchen hat.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB