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Wikileaks:Ungeschwärzt

Sonderpreistraegerin Sarah HARRISON britische Journalistin waehrend ihrer Rede auf dem Podium Sie

Die britische Journalistin Sarah Harrison, 1982 geboren, arbeitet für die Enthüllungsplattform Wikileaks und ist eine enge Mitarbeiterin von deren Sprecher Julian Assange.

(Foto: imago/Sven Simon)

Sarah Harrison ist enge Mitarbeiterin von Julian Assange und verteidigt die Enthüllungen. Auch wenn sie Menschen gefährden können.

Interview von Jörg Häntzschel

SZ: Wird der neue US-Präsident Trump die Massenüberwachung ausweiten?

Sarah Harrison: Edward Snowden hat immer gesagt, er habe auch aus der Sorge gehandelt, dass die Instrumente der NSA in die falschen Hände geraten. Es ist tragisch, dass genau das jetzt passiert ist. Und alle sagen, Obama ist so toll - aber er hat in den letzten Tagen die Möglichkeiten der NSA noch einmal erweitert. Trump kann damit seine Vorhaben viel leichter umsetzen.

Andererseits wetterte Trump in den letzten Wochen pausenlos gegen die eigenen Geheimdienste.

Ja, seit dem Bericht, den sie über ihn geschrieben haben. Teile davon sind ja schon widerlegt. Mir würde ein Geheimdienst auch nicht gefallen, der falsche Sachverhalte über mich erfindet.

Stammt der Trump-Bericht nicht von dem britischen Ex-Agenten?

Ich habe aus Trumps Perspektive gesprochen. Ich will nicht behaupten, dass ich weiß, was er getan oder nicht getan hat.

Es ist gut möglich, dass ohne Ihr Leak von Dokumenten aus der Demokratischen Partei Hillary Clinton jetzt Präsidentin wäre. Lässt Sie das an Ihrer Arbeit zweifeln?

Unser Ziel war immer, die Wähler zu informieren. Wir können nur die Daten veröffentlichen, die wir bekommen. Ich hätte liebend gerne etwas über Trump und die Republikaner gehabt, aber wir hatten eben nichts. Nur weil Trump die einzige Alternative zu Hillary war, können wir nicht unsere Prinzipien über Bord werfen.

Julian Assange bestreitet, dass die DNC-Leaks aus Russland kamen. Angenommen, Sie bekämen Daten von russischen Hackern, würden Sie sie veröffentlichen?

Wir würden ja nicht wissen, ob sie von russischen Hackern stammen.

Eben. Ist das nicht ein Problem? Wie stellen Sie sicher, dass nicht nur Whistleblower Ihnen Daten geben, sondern Geheimdienste, Hacker, dubiose Organisationen? Fürchten Sie nicht, instrumentalisiert zu werden?

Warum sollte ich? Wenn die Dokumente authentisch sind, können wir sie der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Die Motive der Whistleblower können uns nicht beschäftigen, sonst könnten sie nicht anonym bleiben. Ich weiß, das ist ziemlich radikal, aber wir glauben an die Anonymität unserer Quellen und an das Recht der Öffentlichkeit, die Wahrheit zu erfahren.

Haben Sie die Dokumente der US-Demokraten unter bestimmten Bedingungen bekommen, etwa was den Zeitpunkt der Veröffentlichung betrifft?

Wenn wir etwas bekommen, prüfen wir es und bereiten es so schnell wie möglich für die Veröffentlichung vor. Ich wünschte aber, wir hätten manche der DNC-Files früher bekommen, zum Beispiel, als Bernie Sanders noch im Rennen war. Niemand macht uns Vorgaben, wann wir etwas veröffentlichen sollen.

Assange hat die Obama-Regierung scharf dafür angegriffen, dass sie die Russen für die geleakten Mails verantwortlich gemacht hat. "Sie versuchen zu sagen, dass Trump kein legitimer Präsident ist." Trump wiederum tweetete: "Ich liebe Wikileaks." Wird das Assange helfen?

Natürlich hat sich Trump über unsere Veröffentlichungen gefreut. Die Frage ist, ob er als Präsident Taten folgen lässt.

Sie werden oft dafür kritisiert, dass Sie in den Dokumenten auch die Namen gewöhnlicher Personen ungeschwärzt lassen. Die von Homosexuellen in Saudi-Arabien etwa, die fürchten mussten, noch mehr in Gefahr zu geraten.

Seit dem Kriegstagebuch des Afghanistan-Kriegs, das durch unsere Schwärzungen unlesbar wurde, haben wir aufgehört damit. Unsere Veröffentlichungen haben noch nie jemandem Schaden zugefügt, deshalb habe ich keinen Grund, von meinem Glauben an volle Transparenz und die vollständige Veröffentlichung dieser Daten abzuweichen.

Wem ist mit diesen privaten Informationen gedient?

Der Öffentlichkeit. Außerdem wären diese Veröffentlichungen gar nicht möglich, wenn wir jedes einzelne Dokument lesen würden.

Steht dahinter also eine Ideologie der Transparenz oder einfach Zeitmangel?

Beides.

Liegen Sie da nicht nah bei den Apologeten der Massenüberwachung, die auch von Transparenz reden und sagen: Wir müssen eure E-Mails lesen, um die Terroristen zu finden? Wäre ich Homosexueller in Saudi-Arabien, wäre ich nicht glücklich, auf diese Wiese geoutet zu werden.

Aber Sie wären froh zu erfahren, dass die Regierung Sie auf einer Liste hatte.

© SZ vom 23.01.2017

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