Wikileaks-Gründer: Julian Assange "Krypto-anarchistisches Manifest"

Krypto-Anarchismus ist eine Wortschöpfung, die nicht analog zum Krypto-Faschismus zu verstehen ist, sondern von der Kryptographie, der Verschlüsselung von Daten, abgeleitet ist. Diese Philosophie, die in der Hackerszene der achtziger Jahre ihren Ursprung hat, läuft auf ein "anarcho-kapitalistisches Marktsystem" hinaus. So erklärt es der Informatiker Timothy C. May. May ist der Verfasser des "Krypto-anarchistischen Manifests" und der programmatischen Schrift "Cyphernomicon". Er ließ sich von radikal-libertären Denkern wie Ayn Rand und Milton Friedman inspirieren. Zudem begründete er die krypto-anarchistische Mailingliste Cypherpunks. Der Krypto-Anarchismus postuliert, dass eine Asymmetrie zwischen dem Staat, der einen möglichst großen Teil der Kommunikation seiner Bürger zu überwachen versucht, und eben diesen Bürgern besteht, gegenüber denen der Staat vieles geheim halte. Die technische Revolution des Cyberspace könne diese Verhältnisse nun umkehren. Alle privaten Informationen könnten und sollten mit kryptographischen Mitteln geheim gehalten werden. Der Staat wäre zur Unterdrückung des Einzelnen dann nicht mehr in der Lage. Und müsste sich in eine "Enklave der Dinge-die-er-kontrollieren-kann" zurückziehen, wie es May bei den Cypherpunks formuliert hat. Der umgekehrte Ansatz, um das gleiche Ziel zu erreichen, wäre die radikale Veröffentlichung des Herrschaftswissens.

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"Von allen Tyranneien ist eine Tyrannei, die aufrichtig das Beste für ihre Opfer will, vielleicht die repressivste." Mit diesem C.S.-Lewis-Zitat in seiner Mail-Signatur schließen die Mails, die Assange bei den Cypherpunks hinterlassen hat. Anfang der neunziger Jahre war er als Zwanzigjähriger wegen seiner Hackertätigkeit von einem australischen Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt worden - nach einer Zeit der Ermittlungen und Prozesstermine, die von ihm, wie auch in "Underground" beschrieben, als traumatisierend empfunden wurde.

Nun ist Assange in den letzten Monaten häufiger als Anarchist bezeichnet worden. Das war vor allem als Schmähung gemeint. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass daran mehr ist. Was Assange tut, ist nicht von dem zerstörerischen Nihilismus getrieben, den ihm manche unterstellen. Es ist auch kein Egotrip und nicht einmal ein von antiamerikanischen Gefühlen getriebener Rachefeldzug. Es geht ihm aber eben auch nicht in erster Linie um die Aufklärung von Skandalen, um Checks and Balances. Er beabsichtigt nicht, Korrektiv des bestehenden Systems zu sein. Und auch radikale Informationsfreiheit ist für Assange kein Selbstzweck. Sie erfüllt eine Funktion.

Wenn denn überhaupt ein Schlagwort zutrifft, dann vielleicht dieses: Was Assange durch Wikileaks ins Werk gesetzt hat, dürfte der wohl wirkungsvollste Akt der "Propaganda der Tat" seit nahezu hundert Jahren sein, vielleicht sogar der potentiell folgenreichste überhaupt. Dafür muss man den Begriff aber vielleicht zunächst von seinem historischen Gepäck befreien. Julian Assange träumt nicht davon, Bomben auf die Kaleschen zaristischer Würdenträger zu werfen. "Propaganda der Tat", so wurden im Anarchismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur die blutigen Attentate der frühen Terroristen bezeichnet, in jenem Sinn, auf den sich später auch die RAF berief. Gemeint war anfangs einfach die folgenreiche Aktion, die zur Beförderung der Ziele des Anarchismus bessere Dienste leistete als jedes Wort.

In diesem Sinn verteidigte auch der Vordenker des Anarchismus, Gustav Landauer, einen friedlichen Inhalt des Begriffs. "Nicht darum handelt es sich, Menschen zu töten", schrieb er 1893, "sondern es handelt sich im Gegenteil um die Wiedergeburt des Menschengeistes, um die Neuerzeugung des Menschenwillens und der produktiven Energie großer Gemeinschaften."

Ein anderes Zitat des Anarchisten Landauer wählte Julian Assange als Motto seines Blogs iq.org. Es stammt aus dem 1910 erschienenen Artikel "Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk!": "Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andre Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält. (...) Wir sind der Staat - und sind es so lange, als wir nichts andres sind, als wir die Institutionen nicht geschaffen haben, die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen sind."

Auch Julian Assange wollte nicht nur theoretisieren. Im Januar 2007 schrieb er in seinem Blog: "Wenn wir Grips oder Mut haben, dann ist das ein Segen und wir sind berufen, diese Eigenschaften nicht zu vergeuden, indem wir mit offenem Mund die Ideen anderer begaffen, Weitpinkelwettbewerbe gewinnen, die Effizienz des neokorporativen Staates verbessern, oder uns in Obskuritäten verlieren, sondern stattdessen die Kraft unserer Talente gegen die stärksten Feinde der Liebe unter Beweis stellen, die wir finden können."