bedeckt München 15°

Technik und Theologie:Gott ist online

Friedenskonferenz zu Syrien im Vatikan

Ein Kirchenfenster im Petersdom mit der Darstellung des Heiligen Geistes in Form einer Taube.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Technologie und Religion haben viel gemeinsam. Überlegungen zu "Smombies", Engeln und einem digitalen Pfingstwunder.

Ist das jetzt das Pfingstwunder der globalen Verständigung? Wenn die ersten Smartphone-Hersteller eine Sättigung am Markt erreicht haben, also bald jeder eines hat? Wenn, wie jetzt auch in Deutschland, überall die letzten Hürden fallen für ein freies Wlan für alle Menschen und alle Dinge? Die unendliche Kommunikation erfasst die universale Netzgemeinde wie eine Zungenrede, wie ein Brausen, ein mal lautes, oft aber auch eher stilles, unsichtbares Brausen. Und nein, die Leute sind gar nicht betrunken, wie der Apostel Petrus zu Pfingsten versicherte - sie erfüllen nur eine alte Prophetie: "Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch."

Digitalisierung und Erweckung sind immer schon eng verwandt. Das geht über einschlägig religiöse Zonen im Internet weit hinaus - also etwa Koran- oder Bibel-Apps, virtuelle Friedhöfe, "Chat-Andachten", twitternde Päpste und Ähnliches mehr. Der ganze kalifornische Digitalkapitalismus, der nunmehr vielen gnadenlos erscheint, ist aus Erlösungshoffnungen der Hippiebewegung und der New-Age-Spiritualität hervorgegangen. Der kultische Charakter von Apple-Store-Eröffnungen entgeht inzwischen niemandem.

Smartphone Alle Wege führen in den Apple Store - leider
Upgrade-Kultur

Alle Wege führen in den Apple Store - leider

Smartphones und Computer werden mit jeder Aktualisierung schlechter. Dann labern einen auch noch halbwüchsige Apple-Verkäufer blöd an.   Ein digitaler Wutbürgerausbruch von Peter Richter

Das Internet ist ein allwissender, allgegenwärtiger, immaterieller, ungreifbarer Gott, ein deus absconditus. Diese umfassende Überwachung durch "das System" ist dem milliardenfachen Zusammenhang einzelner User geschuldet, die jeder für sich Augen jenes Gottes sind und zugleich von solchen permanent angeschaut werden. Die vernetzte Menschheit entsendet aber auch Avatare, "Profile", diverse Engelsfiguren, eine hochmobile Selbstvergottung, während die eigentlichen Körper die Wege nicht mitgehen.

Was "Smombies" mit Europas erstem Philosophen zu tun haben

Manche sprechen schon von "Smombies", die herumlaufen, aber von ihrem konkreten leiblichen Umfeld abgelöst sind. Thales, der erste Philosoph Europas, soll einmal in einen Brunnen gefallen sein, weil er sich zu intensiv mit den Rätseln des Himmels beschäftigte. Ähnliches passiert heute, nur dass der Blick in andere Sphären meist nach unten gerichtet ist. Es geht hier also keineswegs nur um bestimmte Inhalte im Netz - die gesamte Architektur hat sakrale, transzendente Eigenschaften.

Zugegeben: Religiöse Metaphorik und das Aufspüren von Kryptotheologie sind so etwas wie die Allzweckwaffe der Kulturwissenschaften (und nicht zuletzt des Feuilletons). Damit wird auch einiges Schindluder getrieben, wenn überall in der Gegenwart magische, untergründige Wirkungen von Heiligem und von Glaubenswelten vermutet werden. Dieses Verfahren nennt man gerne bedeutungsschwanger "Genealogie". Aber das numinose Netz ist tatsächlich viel mehr als eine vage Spekulation. Es beeinflusst unser Denken, Reden, Handeln.

Ein genialer, kleiner Aufsatz vergleicht Cyberspace und Theologie

Vor 20 Jahren hat der Literaturwissenschaftler Hartmut Böhme in einem genialen kleinen Aufsatz mit dem Titel "Zur Theologie der Telepräsenz" die Fährte gelegt. Es war genau der Moment, als das Internet anfing, zum Massenphänomen zu werden. Damals, 1996, fiepten noch viele Modems, und das Anklicken von Bildern, die sich schleichend aufbauten, war das höchste der multimedialen Gefühle. Hartmut Böhme aber beschrieb bereits den Cyberspace als den neuen Kult nach dem Tode Gottes. Er fing an, "die theologischen Rhetoriken der neuen Propheten und Hohenpriester zu analysieren".

Software Willkommen in der Update-Hölle
Software

Willkommen in der Update-Hölle

Jeden Tag meldet sich irgendeine App und möchte eine neue Version laden. Damit geht der Ärger oft erst los.   Von Helmut Martin-Jung

Böhme verglich seinerzeit die Netzkommunikation mit der "Sprache der Engel" bei Emanuel Swedenborg, dem mystischen Philosophen und Gegner von Immanuel Kant. Der "Geisterseher" Swedenborg hatte sich ausgemalt, wie zwischen den permanent verbundenen Engeln jedes Signal vollständig und ohne Reibungsverluste übermittelt werde, ohne menschliche Missverständnisse, also genauso wie die digitale Kopie. Ein supersoziales Netzwerk der himmlischen Heere!

Und Hartmut Böhme sah 1996 auch schon, selber prophetisch: Trotz der vordergründig sichtbaren "politökonomischen Funktionen" der Digitalisierung ziele das zugrunde liegende Denken zugleich nicht nur auf die Verbesserung der Welt ab, "sondern auf den Ausstieg aus ihr". Die Sehnsucht nach klugen Maschinen sei stark, weil im Abendland seit Langem "Erde und Leib insgeheim mit dem religiösen Stigma der Heillosigkeit und der Verdammnis belegt sind". Selbst die Erotik im Netz ist ja scheinbar körperlos und soll so frei von Sünden machen.