Experte Merrill: Überleben im digitalen Chaos:"Schließen Sie einfach Ihre Mails für eine Zeit!"

Lesezeit: 3 min

Der Psychologe und ehemalige Google-Vorstand Douglas Merrill über Organisationstaktiken im Internet-Zeitalter - und über das Ende der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit.

Johannes Kuhn

Douglas Merrill sitzt in seinem Haus in Los Angeles und klingt entspannt: Seitdem das Musiklabel EMI den ehemaligen Google-Technikvorstand im März 2009 als Chef der Digitalabteilung vor die Tür gesetzt hat, ist er wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt: Der promovierte Psychologe hat mit "Der Google-Effekt: Strukturiert denken im digitalen Zeitalter" (Südwest-Verlag, 19,95 Euro) ein Buch geschrieben, das sich mit der Selbstorganisation in Zeiten von Smartphones, Twitter und Multitasking beschäftigt. Das Werk ist voller Allgemeinplätze - dabei steckt in Merrills Ansätzen durchaus Potential, wie sich im Telefoninterview herausstellt.

Douglas Merrill

Douglas Merrill, ehemaliger Google-CTO und Buchautor: "Wir sollten uns von der Idee verabschieden, dass wir unsere Arbeitszeit und unsere Zeit zu Hause trennen könnnen."

(Foto: Douglas Merrill)

sueddeutsche.de: Herr Merrill, die Computer an unserem Arbeitsplatz und in unserer Hosentasche erlauben uns, viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Ein Fluch oder ein Segen?

Douglas Merrill: Wir alle glauben, dass wir gut im Multitasking sind und viele Sachen gleichzeitig erledigen können. Aber wir sind in Wirklichkeit schlecht darin, und das ist auch logisch: Wenn wir uns einer neuen Sache zuwenden, müssen wir erst einmal einen Haufen Dinge aus unserem Gedächtnis in unser Gehirn "hochladen". Wenn wir nun verschiedene Prozesse gleichzeitig erledigen, holen wir immer wieder neue Informationen und speichern die alten schlecht ab. So transportieren wir die Informationen hin und her, mit der Folge, dass wir bei dem, was wir machen, schlechter werden.

sueddeutsche.de: Gibt es einen Weg zurück zum Monotasking?

Merrill: Wir müssen dazu kommen, Dinge nacheinander zu erledigen. Es gibt so viele Reize - der Kollege, der an unserem Büro vorbeiläuft, das angeschaltete Handy, das offene E-Mail-Postfach. Wir sind leicht abzulenken, deshalb müssen wir diese Faktoren minimieren. Wenn Sie ständig unnötigerweise Ihre Mails abrufen, schließen Sie das Programm eine Zeitlang. Wenn die Kollegen stören, richten Sie Ihren Schreibtisch mit dem Rücken zur Tür aus. Und tun Sie das, was gerade anliegt.

sueddeutsche.de: Aber liegt das Verführerische im Multitasking nicht darin, dass es so viele Dinge gibt, die wir erledigen können?

Merrill: Wir müssen uns angewöhnen, unsere Aufgaben zu priorisieren. Ich setze mich beispielsweise jeden Morgen 15 Minuten hin, sehe mir meinen Zeitplan und meine Aufgabenliste für den heutigen Tag an. Und dann gewichte ich: Die wichtigen Sachen wandern nach oben, die unwichtigen nach unten.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt das menschliche Gedächtnis in Ihrem Konzept?

Merrill: Ich gebe Ihnen einen Ratschlag: Lassen Sie die Informationen so schnell wie möglich aus Ihrem Kopf verschwinden. Schreiben Sie Dinge auf, anstatt sie auswendig zu lernen. Um Ihnen die Dimensionen zu verdeutlichen: Im Jahr 2000 feierte die US-Kongressbibliothek ihren 200. Geburtstag. Die Fülle an Informationen, die dort gesammelt wird, ist gigantisch. Doch vom Jahr 2000 bis heute hat das Internet so viele Informationen produziert, dass wir damit 30.000 Kongressbibliotheken füllen könnten. Mit unserer alten Art, uns Dinge einzuprägen, ertrinken wir in dieser Informationsflut.

sueddeutsche.de: Sie halten jedoch auch nicht viel davon, Informationen analog zu speichern.

Merrill: Nein, denn digitale Datensätze können Sie durchsuchen, wenn Sie diese im Internet ablegen, haben Sie sogar von überall darauf Zugriff. Natürlich können Sie auch Aktenordner anlegen, aber es ist ungleich aufwendiger, dort etwas zu finden. Deshalb rate ich: Suchen statt abheften.

sueddeutsche.de: In Ihrem Buch argumentieren Sie, dass unsere bisherigen Vorstellungen einer gesunden Balance zwischen Freizeit und Beruf veraltet sind. Bedeutet das, dass wir künftig ständig arbeiten sollen?

Merrill: Nein, aber wir sollten uns von der Idee verabschieden, dass wir unsere Arbeitszeit und unsere Zeit zu Hause trennen und um 17:01 Uhr den Griffel hinlegen können. Mehr als 60 Prozent der Amerikaner arbeiten regelmäßig am Wochenende, wir schuften mehr als 60 Stunden pro Woche und haben nicht einmal täglich eine halbe Stunde für unsere Kinder - weil wir uns in dieses alte Schema pressen lassen. Wir müssen flexibler werden: Wieso soll ich nicht tagsüber mit meinen Kindern in den Park und dafür abends daheim arbeiten, wenn meine Frau vielleicht mit Freundinnen unterwegs ist? Wir müssen erkennen, dass wir auch tagsüber Privatleben haben können, anstatt eine künstliche Grenze zu errichten.

sueddeutsche.de: Was muss passieren, damit wir uns in unserer digital geprägten Umgebung besser organisieren?

Merrill: Was den Arbeitstag betrifft, liegt die größte Hürde in der Unternehmenskultur. Alles andere ist eine Frage der Gewöhnung und der Erziehung. Kinder zum Beispiel müssen von der digitalen Welt nicht überfordert sein, genauso wenig wie sie schlechter im Rechnen wurden, weil es plötzlich Taschenrechner gab. Der Zugang zu einer solchen Fülle an Informationen über das Internet ist ein Fortschritt, genau wie die Schrift besser als die mündliche Überlieferung funktioniert. Das Problem ist, dass wir Erwachsenen schlechte Vorbilder sind. Wir schaffen es heutzutage nicht einmal mehr, unsere Zeit mit der Familie ohne Blackberry in der Tasche zu verbringen.

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