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Online-Rollenspiel "Everquest Next":Einstürzende Altbauten

Everquest Next

Irgendwo in der Unterwelt: Eine Magierin in Everquest Next.

(Foto: Sony Online Entertainment / Pro7Sat1)

Schon viele sind daran gescheitert, dem erfolgreichsten Online-Rollenspiel "World of Warcraft" ernsthaft Konkurrenz zu machen. Doch Sony will es nun mit dem Klassiker-Nachfolger "Everquest Next" noch mal versuchen. Erfolg scheint nicht ausgeschlossen - auch dank einer ungewöhnlichen Geschäftsidee.

Da verspricht eine Firma für ein neu angekündigtes Produkt das Blaue vom Himmel herunter. Und all diese Versprechen erscheinen auf den ersten Blick ein wenig zu gut, um wahr zu sein. So ist das auch bei dem neuen Multiplayer-Rollenspiel (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game, kurz MMORPG) Everquest Next. Sony traut sich damit, jeden Standard des Genres zu hinterfragen und durch neue Ideen zu ersetzen.

Naja, fast jeden. Als Chefentwickler David Georgeson unlängst auf dem Fan-Fest "SOE Live" in Las Vegas das Spiel präsentierte, zeigte er stolz die Skizzen der Charaktere. Dabei waren Zwerge - allesamt ältere Männer mit langen weißen Bärten und grimmigem Blick. Und Elfen sind zierliche junge Frauen mit schmalen Gesichtern, spitzen Ohren und absurder Taille. Kurz: Genau die Prototypen, die schon seit Jahrzehnten Computerspiele, Fantasy-Romane und Manga-Comics bevölkern.

Dafür gab es dann auch keinen Applaus. Aber an anderer Stelle haben sich die Entwickler von Everquest Next viel vorgenommen: Die Monster sollen intelligenter, das Spielsystem abwechlungsreicher und die Welt veränderbarer sein als man es bisher von MMORPGs gewohnt ist. Es könnte funktionieren. Weil es Everquest-Spiele bereits seit fast 15 Jahren gibt und die Fans schon seit Jahren sehnsüchtig auf eine Fortsetzung warten. Und weil sie sich aktiv an der Entwicklung von Everquest Next beteiligen sollen - und, sollte es klappen, damit dem Entwicklerstudio Sony Online Entertainment viel Geld sparen könnten.

1999 erschien das erste Spiel der Reihe Everquest, das zeitweilig bis zu einer halben Million Abonnenten hatte, für damalige Verhältnisse ein gewaltiger Erfolg. Bis 2005 World of Warcraft kam und mit mehr als zwölf Millionen Spielern sämtliche Rekorde brach. Jegliche Versuche, mit Spielen wie Lord of the Rings Online oder Star Wars: The Old Republic das populäre Warcraft-Rollenspiel vom Thron zu stoßen, scheiterten.

Oft versprochen, nie eingelöst

Everquest Next soll nun das Spiel sein, das World of Warcraft als populärstes Online-Rollenspiel ablöst. Dabei wurde beinahe alles, was sich die Entwickler vorgenommen haben, schon mal versprochen - nur noch nicht alles auf einmal.

Mit einem Spielsystem ohne Charakterklassen und einem actionlastigen Kampfsystem zum Beispiel haben auch MMORPGs wie The Secret World bereits experimentiert. Auch das, was bei Everquest Next "Rallying Call" heißen soll, hat es bereits gegeben, Missionen, an denen gleichzeitig viele Hundert Spieler teilnehmen können. In frühen Versionen von World of Warcraft konnten Spieler wochenlang täglich mehrere Stunden damit verbringen, virtuelle Baumaterialien zu sammeln und bei Nichtspielerfiguren abzugeben. Am Ende hatten die Fleißigsten alleine jeweils ein paar Promille zum Gesamtaufwand beigetragen und so dafür gesorgt, dass die neue Stadt ein paar Tage früher "entstanden" - also für die Spieler sichtbar geworden - ist.

Chefentwickler Georgeson verspricht außerdem, dass sich die Orks und Monster in seiner Fantasy-Welt frei bewegen werden statt wie sonst immer an der selben Stelle anzugreifen. Sie sollen sich dort niederlassen, wo sie ungestört harmlose Reisende überfallen können, und nicht ständig von Spielerhelden vertrieben werden. Rücken ihnen die Spieler irgendwann zu sehr auf die Pelle, weil sich Berichte von Überfällen häufen, suchen sich die Orks selbständig neue Jagdgründe.

Ständige Erneuerung gilt für die gesamte Spielwelt mit ihren Wäldern und Wüsten, Dörfern, Schlössern und Ruinen. Denn in Everquest Next soll alles von Spielern und Monstern mit Magie und wuchtigen Schlägen zerstörbar sein. Der Clou: unter diesen Trümmern sollen weitere, vom Programm automatisch nach bestimmten Kriterien erstellte, Regionen zum Vorschein kommen. Versunkene Städte und düstere Höhlen, die unter dem Fantasy-Kontinent Norrath begraben liegen. Eine Spielwelt, die ständig in Bewegung ist. "Wir bauen nur die Welt auf, und überlassen sie dann ihrem Schicksal", beteuert Georgeson. "Wir haben selbst keine Ahnung, was dann passiert."

Ein Spiel spielen, um ein anderes zu bauen

Schlägt auch mal den Boden durch: Ein Monster in Everquest Next.

(Foto: Sony Online Entertainment / Pro7Sat1)

Aber ist so ein Projekt überhaupt bezahlbar? Die Entwickler von Everquest Next haben sich viel vorgenommen, vielleicht sogar zu viel.Ein MMORPG zu entwickeln ist extrem teuer, weil die zu erschaffenden Welten riesig sein müssen. Die Umgebung eines MMORPG darf nicht nach 20 oder 30 Stunden vollständig erkundet sein. Und selbst, wenn der Spieler jeden Winkel gesehen hat, muss sie immer noch genug Möglichkeiten bieten, sich weiter in ihr herumzutreiben.

World of Warcraft, der populärste Konkurrent, wächst seit mittlerweile acht Jahren. An diesem Gigant sind in den vergangenen Jahren Dutzende Mitbewerber gescheitert. Trotzdem hat Everquest Next eine Chance - weil Georgeson und sein Team einen Teil der Entwicklung der Spielwelt "crowdsourcen", also einfach an die Spieler abgeben.

Dazu erscheint noch in diesem Jahr Everquest Next Landmark. Dieses Spiel ist wie ein Sandkasten, mehr Werkzeugkiste als konkrete Herausforderung. Spieler können ziellos die Welt durchstreifen, sich irgendwo niederlassen und ein Haus bauen. Oder aus schroffen Felsen eine prunkvolle Tempelanlage formen. All das werde unkompliziert und schnell sein, erklärt Georgeson, und zeigt eine Reihe von Zeitraffer-Aufnahmen, in denen ein oder zwei Spieler mit den Werkzeugen von Landmark innerhalb von weniger als einer Stunde die Landschaft aufwändig umgestalten.

Aber Landmark soll mehr sein als nur ein notdürftig als Spiel getarnter Editor. Es soll Spezialaufträge und besondere Belohnungen geben, mehrere Spieler können ihre Bauwerke gemeinsam errichten und die besten Kreationen sollen schließlich sogar in Everquest Next übernommen werden. Es ist wie eine Variante des populären Independent-Spiels Minecraft. Nur dass damit die Welt eines kompletten MMORPG entstehen und die treue Fangemeinde motivieren soll, zur Entwicklung von Everquest Next beizutragen.

Sony Online Entertainment kann auf diesem Weg viel Geld sparen. "Modeling ist vielleicht nicht das teuerste an der Spieleentwicklung", schränkt Georgeson ein. "Aber es ist schon verdammt aufwändig." Er macht keinen Hehl daraus, dass Landmark für das Unternehmen nicht nur Teil einer kreativen, sondern auch einer wirtschaftlichen Strategie ist. Wenn das klappt, könnte Everquest Next tatsächlich die Ressourcen und Spielerzahlen aufbringen, um World of Warcraft in Bedrängnis zu bringen. Wenn aber von der Community nicht genug Material kommt? "Auch für uns ist das ein großes Experiment", sagt Georgeson. "Wir wissen einfach nicht, ob sich daran genug Spieler beteiligen werden. Aber wir sind jetzt schon sehr gespannt darauf, wie das fertige Norrath aussehen wird."

© Süddeutsche.de/hgn
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