Süddeutsche Zeitung

Ökologische IT-Geräte:Die Maus mit der Sendung

Jeder will es, aber niemand wirklich: elektronische Geräte nach rein ökologisch-ethischen Kriterien herstellen. Die großen Konzerne bemühen sich erst gar nicht. Eine junge Frau aus Oberbayern hat es wenigstens versucht - und die erste Fair-Trade-Maus der Welt entwickelt. Ein Besuch.

Sieht alles nicht sonderlich revolutionär aus hier. Weder die Maus noch ihr Biotop: Bichl. Das ist da, wo Oberbayern am allerschönsten ist, wo sich im Frühling dieses bläulich glitzernde Licht über die Felder gießt, wo die Landschaft anfängt sich in Richtung Alpen aufzuschwingen: Hügel, Mulden, Endmoränen.

Am Ortsrand von Bichl steht ein ehemaliger Bauernhof, der ausnehmend fotogen runtergewohnt wurde: Bunte Fensterläden, vor dem Haus stehen im hohen Gras ein paar Stühle und eine verwitterte Bank. Auf die Weltrevolution deuten nur die paar Säcke Granulat hin, die heute Morgen angeliefert wurden, weiße Kügelchen aus Holz, das Basismaterial für das kleine Ding, das auf dem Holztisch liegt: eine Maus. Die erste Fair-Trade-Maus der Welt, hergestellt nicht von Apple, Microsoft oder Samsung, sondern von einer jungen Frau, die einfach irgendwann die Schnauze voll hatte.

Die studierte Geografin Susanne Jordan arbeitete bis vor vier Jahren bei Oekom Research, einer kleinen Münchner Rating-Agentur, die Unternehmen auf ihre sozialen und ökologischen Standards hin bewertet. Jordan sollte für potenzielle Investoren untersuchen, welche Arbeitsbedingungen bei den verschiedenen IT-Produzenten herrschen oder woher die Rohstoffe zu deren Produkten stammen.

Nur Green-Washing-Rhetorik

Eigentlich, so könnte man meinen, muss auf dem Sektor doch mittlerweile auch Einiges passiert sein. Es gibt in der Branche das Konzept der "Green IT": Die Hersteller sollen sich darum bemühen, beim Entwurf und der Herstellung der Computersysteme auf knappe oder gar schädliche Rohstoffe wie Cadmium und Blei zu verzichten; sie sollen darauf achten, dass wir User bei der Nutzung der Geräte möglichst wenig Strom verbrauchen; und sie sollen sie bitte so bauen, dass sich am Ende die Bestandteile der Geräte weitgehend wiederverwerten lassen.

Klingt hervorragend in der Theorie, ist aber in Wahrheit in erster Linie Green-Washing-Rhetorik. Susanne Jordan jedenfalls merkte bei ihren Oekom-Recherchen immer wieder, dass keiner der Global Player sich wirklich um Arbeitsbedingungen oder ökologische Belange kümmerte. Auf ihre Nachfragen erntete sie entweder Schulterzucken, man könne da selbst gar nichts machen, schließlich hänge man völlig von den Zulieferern ab und wo die fertigen lassen, wisse man selbst nicht so genau . . .

Oder aber die Hersteller wiegelten in einer Mischung aus Ignoranz und Genervtheit ab: "Ein Händler sagte mal, als ich mit meinen Fragen kam: ,Ach was, bei uns kommt garantiert nichts aus Konfliktländern, wir kaufen das alles an der Londoner Börse.' Die Leute wissen es einfach nicht und wollen es auch nicht wissen."

Miniatur-Sushi

Jordan hatte 2009 keine Lust mehr, sich dieses Gewäsch weiter anzuhören. Sie kündigte bei Oekom und gründete "Nager IT", ihr Ein-Frau-Unternehmen, in dem sie ihren heimlich gereiften Plan in die Tat umsetzen wollte: Den ersten rundum fairen Rechner. Einen Rechner, bei dem alle Bestandteile bis zum Monitor unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Heute muss sie darüber lachen: "Ich hab relativ schnell gemerkt, dass das viel zu komplex ist für mich alleine. Allein die Recherche würde ein Vermögen kosten." Also konzentrierte sie sich ganz auf die Maus.

Wie komplex selbst bei einem derart kleinen Gegenstand die Probleme sind, lässt sich Pars pro Toto an einem Kondensator erklären. Zwei solche Kondensatoren verstecken sich unter dem Gehäuse der Nager-IT-Maus. Jeder ist eineinhalb Zentimeter hoch und sieht aus wie ein Miniatur-Sushi, schwarz, rund, kurz. Allein in solch einem winzigen Kondensator stecken wiederum Anschlussdrähte, Klebeband, Elektrolyte, Gummidichtungen, Schrumpfschläuche, Aluminium-Folie und noch einiges anderes Zeug. Wie stellt man sicher, dass all diese Bestandteile unter halbwegs fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden?

Jordan fand irgendwann die Firma Frolyt, die ihr zumindest aufschlüsseln konnte, aus welchen Ländern die verschiedenen Komponenten für die Kondensatoren stammen. Viele dieser Teile aber bestehen selbst wiederum aus komplexen Komponenten, "und wo die dann ihre Rohstoffe herhaben, konnte ich bisher großteils nicht rausbekommen".

"Einer muss ja mal anfangen"

Gerade dachte man als Otto Normaluser noch, so ein Kondensator ist halt ein primitives schwarzes Stäbchen. Zehn Minuten später erinnert das kleine harmlos wirkende Ding an eines dieser Fraktale, Strukturen, die sich immer weiter verzweigen, je genauer man draufschaut.

Wohlgemerkt: Neben diesen Kondensatoren gibt es in einer Maus 20 weitere Komponenten: Widerstände, Schalter, LED, Sensorchips. Zwei Drittel der verwendeten Bauteile lässt Jordan in Deutschland oder zu ähnlich fairen Arbeitsbedingungen in Japan und Israel produzieren. Das Gehäuse entsteht in einer Landshuter Behindertenwerkstatt. Montiert wird die Maus in einer Integrationswerkstatt in Regensburg.

Aber Chips gibt es nun mal nicht in Europa. Also bestellt Jordan sie in China. Der chinesische Hersteller lässt auf den Philippinen arbeiten. Jordan zuckt mit den Schultern: "Da kann ich keine allzu große Unternehmensverantwortung erwarten." Kurzum: Die faire Kontrolle gelingt Jordan bisher auch nur bis zu einer gewissen Fertigungstiefe. "Aber einer muss ja mal anfangen."

Zweites Problem neben der fast schier unüberschaubaren Komplexität: der Preis. Jordans Maus kostet 29,90 Euro. Sie selber verdient daran keinen Cent; ihren Lebensunterhalt erwirtschaftet sie sich nebenher als Erzieherin. Aber 30 Euro, das ist vielen Leuten schlicht zu teuer. "Viele stehen auf Messen lange an meinem Stand und interessieren sich für die Maus. Aber sobald sie den Preis hören, gehen sie. Am Stand nebenan kaufen sie dann eine Tasche für 120 Euro. Mode darf eben kosten, Industrieprodukte haben per se billig zu sein."

So spottbillig sind all unsere Laptops, Handys und iPads natürlich nur, weil sie in asiatischen Sweatshops gefertigt werden. Beim Name Foxconn winkt sie ab. "Noch schlimmer sind die Kleinbetriebe, wo gar keiner hinkuckt. Und es gibt ja von da auch keine Fernsehbilder."

Man kennt die Bilder der Giftmüllhalden von Accra oder Lagos, dieser Endlager für die 50 Millionen Tonnen giftigen Hightech-Mülls, die jährlich anfallen: Kinder, die barfuß über Elektroschrottberge steigen und durch orangeschimmernde Giftpfützen waten, überall schwarzschwelende Feuer, das Plastik wird weggeschmolzen, bis nur noch Kupferdrähte und seltene Erden wie Lutetium oder Thulium zurückbleiben, die dann wiederverwendet werden.

"Für fairen Kaffee braucht man nur eine Plantage"

Was man kaum kennt, sind die Bilder der Minen, Erdhöhlen, Matschgruben, aus denen Kinder im Kongo oder Südamerika all die Stoffe herauskratzen, die für die Herstellung eines gewöhnlichen Rechners benötigt werden: In unseren Handys und PCs stecken fast alle Stoffe, die im Periodensystem der Chemiker auftauchen. Was man auch kaum kennt, sind Bilder aus den Fertigungshallen. "Umweltkatastrophen kann man hervorragend bebildern", sagt Jordan. "Schlechte Arbeitsbedingungen nicht: Wie wollen sie zeigen, dass so ein Arbeiter 16 Stunden am Stück arbeitet. Dass er unterbezahlt ist. Dass die giftigen Dämpfe in der Werkshalle in späteren Jahren Krebs verursachen werden."

Eigentlich ist es geradezu grotesk, dass eine Erzieherin aus Bichl weltweit der erste Mensch ist, der auf die Idee kam, ein ökologisch und sozial verträgliches IT-Produkt herzustellen. "Wer weiß," sagt sie auf ihre bedächtige Art, "vielleicht sind ja schon andere auf die Idee gekommen, aber haben es dann wieder bleiben lassen. Weil es so mühsam ist, das dann auch umzusetzen. Für fairen Kaffee braucht man nur eine Plantage. Oder Geld, das man den Bauern gibt. In dieser kleinen Maus stecken dreieinhalb Jahre Arbeit und Recherche."

Dreieinhalb Jahre hat sie alleine geforscht und organisiert. Hat Schaltpläne studiert und in Asien nach Händlern gesucht, die trotz ihrer lachhaft kleinen Stückzahlen mit ihr zusammenarbeiten.

Erinnerung an Kühlschränke

Und? Macht sie das nicht wütend, dass keine der großen Firmen Ähnliches probiert? "Beim Fair Trade waren es ja auch nicht die Großen, die sagten, Mensch stimmt, ihr habt recht mit eurer Kritik, wir stellen das jetzt mal um. Irgendjemand fing einfach an, fairen Kaffee oder Kakao zu produzieren. Und als die Nachfrage einen kritischen Wert erreichte, haben sich die Großen zähneknirschend bewegt." So etwas will sie nun auch erreichen. Von Bichl aus. Klingt wie ein Wunder, das noch wahr werden muss. Bisher hat sie gerade mal 2000 Mäuse verkauft.

Andererseits - erinnert sich noch irgendjemand an das Foron-Wunder? Nein? Eigentlich eine ganz ähnliche Geschichte. Die ostdeutsche Kühlschrankfirma stand nach der Wende vor dem Aus. Bis Greenpeace ihnen die Idee schmackhaft machte, doch einen FCKW-freien Kühlschrank zu bauen. Die großen Firmen hatten bis dahin gemauert, obwohl alle längst wussten, wie katastrophal sich Fluorkohlenwasserstoffe auf die Ozonschicht auswirken: Viel zu teuer sei das, leider, und die Technik sei ja dummerweise auch noch nicht ausgereift. Die kleine Firma Foron schaffte es dann in kurzer Zeit, den ersten FCKW-freien Kühlschrank auf den Markt zu bringen.

Der einzige Nachteil an der Geschichte: Kaum dass der sächsische David die Produktion begonnen hatte, zogen Linde, Bosch und all die anderen Goliaths sofort nach. Plötzlich konnten sie, die immer behauptet hatten, all das sei noch lange nicht serienreif, über Nacht selber umweltfreundliche Kühlschränke herstellen. Das FCKW verschwand in kürzester Zeit vom Markt. Gegen das Preisdumping der Großen hatten die Sachsen leider keine Chance, Foron musste dichtmachen. "Tolle Geschichte", sagt Jordan. "Wär doch wunderbar, wenn das bei mir genauso liefe. Mir ist nur wichtig, dass es endlich fairere Rechner gibt. Meine Firma brauch ich nicht."

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Quelle:
SZ vom 13.04.2013/bero
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