bedeckt München 23°
vgwortpixel

Nokia-Handys für Schwellenländer:Solide statt smart

Weltweit verliert Nokia immer mehr Marktanteile, doch in Ländern wie Indien und Indonesien werden die Handys des finnischen Herstellers durchaus geschätzt. In Deutschland entwickeln Forscher die Prototypen für Schwellenländer.

Es knarzt, leise zwar, aber lange. Fast scheint es, als würde das Handy ächzen, während ein Schraubstock die untere Kante nach links, ein anderer die obere Kante nach rechts dreht. So ein Handy, sagt Dieter Gruber, sei eben einer anderen Belastung ausgesetzt, wenn es in der Hosentasche eines Chinesen steckt statt in der eines Amerikaners.

Wenn dies, wie die Mitarbeiter selbst sagen, die Folterkammer ist, dann ist Gruber so etwas wie der oberste Scherge. Sein Job ist es, Mobiltelefone schlimmsten Strapazen auszusetzen, damit sie den Widrigkeiten der Welt da draußen standhalten: all der Hitze, dem Staub, der Feuchtigkeit - oder eben einer Hosentasche. In einem Forschungslabor am Rand von Ulm entwickelt Gruber für Nokia Handys für Schwellenländer. Und es gefällt ihm nicht, was die Leute sagen, seit dieser Steve Jobs das iPhone geschaffen hat. Seit die Menschen mit einem Telefon nicht mehr nur telefonieren wollen, sondern das Ding als Helfer in allen Lebenslagen nutzen, als Navi, als Übersetzer, als Restaurantführer.

Beim Handy, sagen die Leute, kommt es auf die Software an. Nicht auf die Hardware. Gruber, der auch im Englischen schwäbische Zischlaute unterbringt, hat sich mit einem indischen Landwirt unterhalten, der sich mit seinem Handy erstmals über die üblichen Preise für Dünger informieren konnte. Und er hat mit einem Schmuckhändler in Indonesien gesprochen, der den Kunden sein Handy mit den Fotos seiner Waren unter die Nase hält, weil er nicht erst Kataloge drucken kann. Von diesen Leuten hat Gruber gehört, dass die Hardware durchaus wichtig ist.

27 US-Dollar für ein Handy

In Indien kostet ein Handy von Nokia umgerechnet etwa 27 US-Dollar. Das ist viel Geld in einem Land, in dem jeder Dritte von weniger lebt als einem Dollar pro Tag. Ein Handy, sagt Gruber, das ist in einem Schwellenland eine echte Investition. Es muss lange halten, damit es die Menschen später, wenn sie sich ein neues kaufen, noch für möglichst viel Geld weiterverkaufen können.

Auf fast jedem vierten Mobiltelefon, das irgendwo auf der Erde über den Ladentisch geht, prangt der blaue Schriftzug. Nokia hat in den vergangenen Jahren wertvolle Marktanteile verloren, aber noch immer verkauft kein anderes Unternehmen weltweit so viele Handys wie die Finnen. Und das liegt vor allem an den Schwellenländern. Es sind Regionen, in denen viel mehr Menschen leben als im Westen - und doch viel weniger bislang ein Handy haben.

"Nokia ist dort eine sehr starke Marke", sagt die Analystin Roberta Cozza von der Marktforschungsfirma Gartner. Und dennoch ging die Rechnung für Nokia nicht auf: Im Januar, als der US-Konzern Apple, dem Schwellenländer als wenig lukrative Märkte gelten, für das abgelaufene Quartal einen Gewinn von 13 Milliarden Dollar vermeldete, da gab Nokia für denselben Zeitraum einen Verlust von 1,1 Milliarden Euro bekannt.