Netzkonferenz Muckelige Beliebigkeit auf der re:publica

In der Station Berlin, einem ehemaligen Postbahnhof, treffen sich die Hacker und Experten zur zehnten "re:publica".

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Denn der Streit, die Debatte, bleibt in diesem Jahr im Rahmen. Dafür gibt es sehr leckeres Kimchi und Currywürste.

Von Johannes Boie, Berlin

In der Berliner Kalkscheune stehen ein paar Blogger, trinken Bier und quatschen. Die Atmosphäre ist die eines Familientreffens, mal abgesehen davon, dass wenig Frauen da sind. Ein gutes Gefühl ist aber: Wer sich hier trifft, gehört zur digitalen Avantgarde, jedenfalls der bundesrepublikanischen, man hat hier das Netz begriffen, auf der eigenen Webseite sind sogar Leser, am Horizont ist Umsatz erkennbar, echtes Geld. So etwa war das im Jahr 2007 während der ersten re:publica, sie ist inzwischen Deutschlands bedeutendste und erfolgreichste Internetkonferenz.

Bis zu diesem Mittwochabend findet sie nun zum zehnten Mal statt. Aus 700 Besuchern in der Kalkscheune sind nun 8000 in der Station Berlin, einem ehemaligen Postbahnhof, geworden. 750 Redner stehen auf großen und kleinen Bühnen, 46 Prozent von ihnen jetzt weiblich.

Der Umsatz der Konferenz liegt deutlich bei mehr als einer Million Euro. Spiegel Online überträgt live, unter den Sponsoren sind IBM, Daimler, Microsoft, die Telekom, das ZDF. Zur Eröffnung kündigen Tanja und Johnny Haeusler, Markus Beckedahl und Andreas Gebhardt ein Spin-off in einem anderen Land an, im Herbst schon soll die erste re:publica in Dublin über die Bühne gehen.

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Das liegt daran, dass sich in den vergangenen neun Jahren zu den Bloggern auch Agenturleute, IT-Leute, Leute aus dem mittleren Management von mittelgroßen Unternehmen und natürlich auch ein paar Hundert Journalisten hinzugesellt haben, von denen ein Teil durch die Vorträge auf den "stages" hetzt, durch "networking"- und "relax"-Zonen, durch die Veranstaltungsorte "replay" und "laboratory", während die andere Hälfte vor der "Station" sitzt und nach neuen Jobs oder neuen Mitarbeitern sucht.

Drei Tage lang mit der Szene Club-Mate trinken

Die re:publica gedeiht vor allem aus zwei Gründen: Einerseits ist da die Gemeinschaft der Besucher. Egal, wie stark deren Anzahl wächst, solange Sascha Lobo mit seinem ordentlich frisierten roten Irokesenschnitt auftaucht und Scherze macht, solange Markus Beckedahl, als Chef des Portals netzpolitik.org auch Galionsfigur und digitaler Freiheitskämpfer, auf dem Eröffnungspanel steht, solange Johnny und Tanja Haeusler, wie Beckedahl Gründer der Konferenz, ihre Kreuzberger Street Credibility einbringen, so lange also kann die Konferenz vom Geist des Anfangs leben und durch ihn gedeihen.

Und auch auf die freudige Erwartung der Besucher zählen, die hier drei Tage lang mit jener Szene Club-Mate trinken können, die für viele noch immer gleichbedeutend ist mit "dem Internet", selbst dann, wenn der Konferenzindianer Sascha Lobo, hier vorgestellt als der "Internetvertreter", inzwischen ungewohnt nachdenklich daherkommt.

Der andere Grund ist die Konsensfähigkeit der Veranstaltung, die, wenn der Eindruck nicht täuscht, selten so deutlich wurde wie in diesem Jahr. Es könnte genau deshalb vielleicht auch ein bisschen zu durchschnittlich ausgefallen sein. Auf der re:publica treten mittlerweile die traditionell größten Bild-Feinde auf, aber auch Julian Reichelt, diskussionsfreudiger, wortgewaltiger Chefredakteur von Bild.de.

Man findet hier die radikalsten Vertreter der Netzneutralität, wie auch den in dieser Sache sehr pragmatischen EU-Kommissar Günther Oettinger. Dabei geht es weniger um Konfrontation als um ein möglichst breites Themenspektrum.

Der Streit, die Debatte, bleibt in diesem Jahr stets im Rahmen. Die Radikalität, mit der etwa der "Chaos Computer Club " einmal jährlich auf seiner ebenfalls erfolgreichen Konferenz die Entwicklungen des Netzes auseinandernimmt, kritisiert, forciert, beschwört oder ablehnt, die fehlt auf der re:publica. Dafür gibt es sehr leckeres Kimchi und Currywürste, und nach dem Tagesprogramm lädt Facebook zum Schnitzelessen oder Werbeleute zum Fußballgucken auf das Dach ihrer Agentur.