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Netzkonferenz:Edward Snowden, per Videoübertragung

Im Hof der "Station" bietet eine Frau Fruchtsäfte an, sie kosten nichts, aber um sie zu bekommen, muss man einen bestimmten Begriff twittern oder auf Facebook verbreiten. Und zum Konferenzbeginn sagt Tanja Haeusler, das Motto dieser zehnten Konferenz, "ten", das ergebe ja rückwärtsgelesen wiederum "net", also Internet, was ja auch ganz "muckelig" sei. Auf vielen Panels tauchen manche Sprecher gleich mehrfach auf, das macht nicht alle Vorträge interessanter. Diese muckelige Beliebigkeit reicht nicht nur für den Erfolg, sie könnte sogar eine seiner Grundlagen sein. Die re:publica ist eine Konferenz, auf der sich alle wohlfühlen.

Womöglich ist das wohlfeile Kritik. So sieht es auch Markus Beckedahl, der nicht nur diese Konferenz mitgegründet hat, sondern regelmäßig kleine, hochpolitische oder technische Veranstaltungen abhält, und der deshalb mit Erfahrung und Recht für die re:publica reklamiert, dass es kaum einer Veranstaltung gelingt, ein paar Tausend Menschen, die eben nicht alle prototypische Nerds und Freiheitskämpfer sind, zu genau jenen Themen zu führen. Das stimmt sicherlich.

Edward Snowden, per Videoübertragung zugeschaltet, etwa im Gespräch mit Professor Luciano Floridi, macht seine Punkte, mit großer Klarheit, wenn auch in einem viel zu kleinen Raum, der nicht alle Besucher zu fassen vermag. Überraschend gut auch ein Gespräch mit Günther Oettinger, bei dem man nie weiß, ob er absichtlich oder unabsichtlich komisch ist.

Viele seiner Ausführungen beginnen mit Sätzen wie: "Gestatten Sie mir einen großen Bogen." Seiner Interviewpartnerin, einer Journalistin beziehungsweise nach seinen Worten einer "gnädigen Frau", erklärt der Kommissar im Zusammenhang mit dem schleppenden Netzausbau in Europa, "2020 ist in fünf Jahren". In Barbara van Schewick hat die Veranstaltung außerdem eine der besten Expertinnen auf dem Gebiet der Netzpolitik von Stanford nach Berlin gelotst; Konstantin von Notz, ein grüner Politiker, der sich auskennt, berichtet vom Untersuchungsausschuss im Bundestag zur NSA- und BND-Spionage.

Und trotzdem bleibt in diesem Jahr Ratlosigkeit zurück, nicht nur auf der Metaebene. Auch bei den Protagonisten aus der Kalkscheune sind ein paar Fragen offen: Warum nur kam so vieles anders, als man es sich damals erhofft hatte? Warum ist das Netz nicht das schöne, neue Kommunikationsmittel, sondern eben auch Werkzeug für Hass und Verleumdung, für Überwachung und Ausgrenzung? Wie kann die Gemeinschaft, die als Gemeinschaft der Blogger begann, die Entwicklung beeinflussen, in der Zeit von Facebook und Snapchat und NSA und BND? Die Fragen sind offen, eines ist sicher: Im kommenden Jahr wird in Berlin wieder nach Antworten gesucht werden.

© SZ vom 04.05.2016/dit
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