Nach dem Spionage-Skandal der NSA Einfach mal weg

Unter Beobachtung: Der Spionage-Skandal hat Spuren hinterlassen.

(Foto: dpa)

Wie freigiebig geht man mit seinen persönlichen Daten im Internet um? Unser Autor war früher sehr spendabel. Nach dem NSA-Abhörskandal hat er sein Verhalten geändert.

Von Pascal Paukner

Das Kapitel Facebook wird jetzt beendet. So dachte ich mir das. Ich änderte mein Passwort, löschte die Apps von Smartphone und Tablet. Dann war Ruhe. Schluss mit Facebook. Schluss mit ständigem Nachsehen, wer wieder welchen Clip gepostet hat. Schluss mit dem Posten von Urlaubsfotos. Schluss mit der Datensammelei. Tschüss, Mark Zuckerberg. Bye bye, NSA.

Das Internet schien zu implodieren, damals im Sommer 2013. Jeden Tag liefen neue Schocknachrichten über den Zustand der digitalen Welt über die Ticker. Westliche Geheimdienste, das wurde deutlich, hatten heimlich das freie Internet unterwandert und ihre Überwacher an allen Ecken und Enden platziert. Es schien ein Zeitalter zu Ende zu gehen. Jene Periode, in der man sich unbedarft im Internet bewegen konnte.

Der Spionage-Skandal hat Spuren hinterlassen. Kürzlich wartete ich mit einem Freund am Ulmer Hauptbahnhof auf die Straßenbahn. Als er sein Handy aus der Jackentasche zog, staunte ich. Es war nicht das Smartphone, das er bisher genutzt hatte. Es war ein Nokia 3310 aus dem Jahr 2000. Er sei ganz bewusst umgestiegen, erklärte er. Seitdem sei sein Leben unbefangener geworden. Oft habe auch ich mir überlegt: Wie geht man am besten um mit der neuen Lage?

Unzuverlässig

Ich habe an keiner Demonstration gegen die Lauschpraxis teilgenommen, habe auch keine Petition gegen die Überwachung unterzeichnet. Ich habe aber das Vertrauen, die Leichtigkeit im Umgang mit dem Internet verloren. Ich schreibe kaum noch Tweets, poste kaum noch Bilder. Bücher kaufe ich neuerdings wieder im Buchladen statt bei Amazon. Ich bin immer noch Datenlieferant, da mache ich mir keine Illusionen, aber ich bin dabei unzuverlässig.

Ich gehe inzwischen sparsam mit meinen Daten um. Wirft man einen Blick auf die Meinungsumfragen der Institute und die Quartalsergebnisse der Internetkonzerne, könnte man den Eindruck gewinnen, dass ich mit meinem heimlichen Protest ziemlich alleine stehe. In den Umfragen sagen die meisten Menschen, sie hätten ihr Verhalten durch den Skandal nicht geändert. Die Internetkonzerne fahren immer noch horrende Gewinne ein, die sie den Daten ihrer Nutzer verdanken. Hat sich in Wahrheit also doch nichts geändert?

Doch. Man muss nur nach Amerika schauen. Dort bildet sich derzeit eine ungewöhnliche Allianz zwischen jungen Unternehmern und Teenagern. Die einen bauen Apps, die sich anonym nutzen lassen, die anderen nutzen sie wie wild. Yik Yak zum Beispiel ist unter College-Studenten derzeit das große Ding. Den Dienst muss man sich wie ein großes schwarzes Brett vorstellen, auf das jeder einfach draufkritzeln kann. Ohne Anmeldung, Registrierung.

Facebook-Boykott

Die Community wird durch örtliche Nähe gebildet. Wer die App startet, sieht zunächst Einträge, die Menschen in der eigenen Umgebung verfasst haben. Ganz ähnlich funktionieren auch Angebote wie Whisper oder Secret. Sie haben die Anonymität zum Prinzip erhoben. Die Nutzer liefern zwar Daten, dabei tritt aber ihre Identität in den Hintergrund. Die Folge ist: Sie können freier und unbefangener agieren. Genau diese Möglichkeit ist uns im Internet zwischen datensammelnden Konzernen und Geheimdiensten abhandengekommen. Es scheint nun gerade die Jugend zu sein, die sie sich zurückholt.

Als ich mich ein paar Wochen nach dem wütenden Facebook-Boykott dann doch dorthin zurückverirrt habe und nachschauen wollte, was ich in der Zwischenzeit verpasst habe, wurde ich bitter enttäuscht. Ein paar Partyeinladungen waren mir durchgegangen, okay. Auch die ein oder andere Nachricht lag ungelesen im Postfach. Wirklich mitbekommen hat meine Abstinenz aber scheinbar niemand. Abgesehen von Facebook. Das Unternehmen hatte mir nach ein paar Tagen immer wieder Mails geschickt. Darin fand sich eine Auflistung, wie viele Nachrichten, Einladungen auf mich warteten. Da wollte mich offensichtlich dringend jemand zurückhaben.