Internet-Aktivist Isaac Mao:"Chinas Netzaktivisten werden nicht verschwinden"

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Isaac Mao ist einer der bekanntesten chinesischen Blogger. Im Gespräch erklärt er, warum die Microblogging-Dienste sein Land demokratisieren und weshalb sich die chinesische Führung auf weitere soziale Unruhen einstellen muss.

Johannes Kuhn

Wenn es um gesellschaftliche Kontroversen geht, ist das Netz wohl die wichtigste Informationsquelle für Chinas Bürger: Bevor der blinde Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng aus seinem Hausarrest floh, wandte er sich per Online-Video an Premierminister Wen Jiabao. Als der charismatische Politiker Bo Xilai abgesetzt wurde, diskutierten Teile der Bevölkerung mit Hilfe der Weibos genannten Microbloggingdienste offen darüber, ob in der chinesischen Führung ein Machtkampf ausgebrochen sei.

Internationale Blogger fordern staerkere Zusammenarbeit mit westlichen Medien

Blogger Isaac Mao: "Das Internet kann die Regierung nicht abschaffen. Es ist wirtschaftlich zu wichtig."

(Foto: dapd)

Chinas Behörden reagierten mit Verhaftungen der Verbreiter vermeintlicher Gerüchte und stärkerer Zensur der Weibos. Isaac Mao ist einer der bekanntesten chinesischen Blogger. Er pendelt meist zwischen den USA und Chinas Westküste, im Westen gilt der Software-Entwickler als Gesicht der chinesischen Blogosphäre.

Süddeutsche.de: Wie können uns die Fälle Bo Xilai und Chen Guangcheng dabei helfen, China und die Rolle des Internets dort zu verstehen?

Isaac Mao: Beides sind unterschiedliche Fälle. Im Falle Bo ging es um Korruption - hier wurde der Konflikt innerhalb der chinesischen Führung deutlich sichtbar. Die vermeintliche Geschlossenheit der Verantwortlichen hat sich als Mär herausgestellt. Dass die Bevölkerung von den Verwerfungen erfährt, zeigt, dass der Staatsrat keine Black Box mehr ist. Viele Menschen haben sich in der Kontroverse ihre Meinung über das Netz gebildet, auch anhand von Gerüchten. Unabhängige Meinungen sind etwas, was die staatlichen Behörden ungern sehen, weil es ihren Kontrollverlust zeigt - um ihr Gesicht zu wahren, haben sie mit strengerer Bestrafung und Unterdrückung der Meinungsfreiheit auf Microblogging-Diensten reagiert.

Süddeutsche.de: Liegt der Unterschied auch darin, dass im Falle von Chen Guangcheng der Aktivist und seine twitternde Ehefrau nicht nur Gegenstand der Berichterstattung über das Netz waren, sondern es auch selber genutzt haben?

Isaac Mao: Nicht nur deshalb ist es ein komplett anderer Fall. Hier geht es um Unrecht der Behörden, die Chen seit langem ohne Anklage festhielten. Viele Chinesen erfuhren über das Netz überhaupt das erste Mal, dass es ihn gibt - er lebte ja weit weg von den Metropolen des Landes. Zudem entwickelte sich in seinem Fall über das Netz eine andere, unzensierbare Form des Aktivismus: die Menschen zeigten ihre Solidarität, indem sie wie er dunkle Sonnenbrillen trugen. Die Behörden können vielleicht das Internet zensieren, aber sie können die Menschen nicht daran hindern, zu kommunizieren - und sie können sicherlich niemandem verbieten, eine Sonnenbrille aufzusetzen!

Süddeutsche.de: Wie wird die Führung reagieren? Immerhin nutzen ja auch Beamte und Parteimitglieder soziale Medien.

Isaac Mao: Sie nutzen sie, aber sie verstehen sie nicht. Ihre Propaganda interessiert niemanden, weil niemand weiß, wer diese Menschen sind. Die Sprache ist immer ähnlich, enthält keine wirklichen Informationen. Die Behörden wissen nicht, wie Glaubwürdigkeit im Netz funktioniert.

Süddeutsche.de: Vor einem Monat wurde die Klarnamen-Regelung für Sina Weibo, das größte aller Microblogs, eingeführt - womöglich, um Aktivisten besser verfolgen zu können. Welche Auswirkungen hat das?

Isaac Mao: Niemand hält sich bislang daran. Die Betreiber der Plattformen möchten natürlich nicht, dass ihnen die Kunden weglaufen. Sie können sicherlich auch einmal ein Weibo zumachen, doch das Internet kann die Regierung nicht abschaffen. Es ist wirtschaftlich zu wichtig.

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