Gierige Internetdienste:Stunde der Egoisten

Lesezeit: 3 min

Sie versprachen, die Welt im Sinne des Verbrauchers zu verbessern. Doch nun zeigt sich, dass es den Anbietern vieler neuer Internetdienste nur um den eigenen Profit ging. Diese Gier ist gefährlich. Auch für die Gründer selbst.

Ein Kommentar von Varinia Bernau

Wie viel Anstand muss ein Unternehmer haben? Wie schwer darf er seinen Partnern zusetzen? Darf er zum Beispiel etwas, das eigentlich kostenlos ist, wie eine Reservierung im Restaurant, horten, um es anschließend für viel Geld zu versteigern? Und darf er das Bedürfnis nach Bequemlichkeit zur Geschäftemacherei mit einer reichen Elite ausnutzen, auch wenn dies bedeutet, dass diejenigen mit weniger Geld gar keinen Platz mehr im Restaurant bekommen?

All dies wird gerade unter den Strategen im Silicon Valley diskutiert, weil die Internetseite Reservation Hop in San Francisco seit Kurzem genau dies tut: Sie pfeift auf ein faires Miteinander. Das Maß an Dreistigkeit, das der Dienst an den Tag legt, mag neu sein. Die dahinterstehende Haltung ist es nicht. Höchste Zeit also, sich die Frage zu stellen: Wie unanständig darf ein Internetunternehmer sein?

Es waren die Nerds, die mit der Vision angetreten sind, die Technik zum Wohle aller einzusetzen. Und sie haben sie so optimiert, dass nun auch die Betriebswirte ihre Chance wittern. Reservation Hop ist dafür nur ein Beispiel: Es gibt Internetseiten, auf der man seine Wohnung verleihen, eine Putzfrau suchen oder seine eigene Arbeitskraft verleihen kann. All diese neuen Dienste starten mit einem Schlachtruf: Kill the middleman! Räume den Vermittler aus dem Weg! Wer seine Bücher im Netz selbst veröffentlicht, braucht keinen Verlag mehr. Wer sich vom Schwarm Geld leiht, braucht keine Bank.

Geschäftsgrundlage: Rücksichtslosigkeit

Die aufstrebenden Alternativen im Netz suggerieren, dass die Vermittler überflüssig wären. Welch ein Irrtum! Ein Verlag, der einen neuen Autor unter Vertrag nimmt, hält schließlich nicht nur die Hand auf. Er geht auch ein Risiko ein, und er bringt, sei es im Lektorat oder in der Vermarktung, seine Stärken ein, um aus einem guten Buch einen Bestseller zu machen. Gewiss, zu viele Mittelsmänner haben ihre Macht zu lange ausgenutzt. Sie haben sich bereichert.

Und sie haben sich Neuerungen, die dem Kunden genutzt hätten, verweigert. So haben sie eine Angriffsfläche für die neuen Internetdienste geboten. Und die haben die Schwächen des alten Systems ausgeräumt - und zwar zum Vorteil des Verbrauchers.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema