Gierige Internetdienste:Stunde der Egoisten

Sie versprachen, die Welt im Sinne des Verbrauchers zu verbessern. Doch nun zeigt sich, dass es den Anbietern vieler neuer Internetdienste nur um den eigenen Profit ging. Diese Gier ist gefährlich. Auch für die Gründer selbst.

Ein Kommentar von Varinia Bernau

Wie viel Anstand muss ein Unternehmer haben? Wie schwer darf er seinen Partnern zusetzen? Darf er zum Beispiel etwas, das eigentlich kostenlos ist, wie eine Reservierung im Restaurant, horten, um es anschließend für viel Geld zu versteigern? Und darf er das Bedürfnis nach Bequemlichkeit zur Geschäftemacherei mit einer reichen Elite ausnutzen, auch wenn dies bedeutet, dass diejenigen mit weniger Geld gar keinen Platz mehr im Restaurant bekommen?

All dies wird gerade unter den Strategen im Silicon Valley diskutiert, weil die Internetseite Reservation Hop in San Francisco seit Kurzem genau dies tut: Sie pfeift auf ein faires Miteinander. Das Maß an Dreistigkeit, das der Dienst an den Tag legt, mag neu sein. Die dahinterstehende Haltung ist es nicht. Höchste Zeit also, sich die Frage zu stellen: Wie unanständig darf ein Internetunternehmer sein?

Es waren die Nerds, die mit der Vision angetreten sind, die Technik zum Wohle aller einzusetzen. Und sie haben sie so optimiert, dass nun auch die Betriebswirte ihre Chance wittern. Reservation Hop ist dafür nur ein Beispiel: Es gibt Internetseiten, auf der man seine Wohnung verleihen, eine Putzfrau suchen oder seine eigene Arbeitskraft verleihen kann. All diese neuen Dienste starten mit einem Schlachtruf: Kill the middleman! Räume den Vermittler aus dem Weg! Wer seine Bücher im Netz selbst veröffentlicht, braucht keinen Verlag mehr. Wer sich vom Schwarm Geld leiht, braucht keine Bank.

Geschäftsgrundlage: Rücksichtslosigkeit

Die aufstrebenden Alternativen im Netz suggerieren, dass die Vermittler überflüssig wären. Welch ein Irrtum! Ein Verlag, der einen neuen Autor unter Vertrag nimmt, hält schließlich nicht nur die Hand auf. Er geht auch ein Risiko ein, und er bringt, sei es im Lektorat oder in der Vermarktung, seine Stärken ein, um aus einem guten Buch einen Bestseller zu machen. Gewiss, zu viele Mittelsmänner haben ihre Macht zu lange ausgenutzt. Sie haben sich bereichert.

Und sie haben sich Neuerungen, die dem Kunden genutzt hätten, verweigert. So haben sie eine Angriffsfläche für die neuen Internetdienste geboten. Und die haben die Schwächen des alten Systems ausgeräumt - und zwar zum Vorteil des Verbrauchers.

Aus verärgerten Partnern werden Feinde

Nun aber kommt bei vielen dieser Internetunternehmer die hässliche Fratze der Gier zum Vorschein. Es zeigt sich, dass es ihnen nicht darum ging, den Mittelsmann aus dem Weg zu räumen, sondern sich selbst einen schönen Posten an dieser Schlüsselstelle zu verschaffen. Und wer sich dort erst einmal sicher glaubt, der sieht zu, wie er noch etwas mehr für sich rausholen kann.

So wie das Start-up Mytaxi: Das hatte mit einem Erfolg Taxifahrer dazu aufgerufen, sich ihre Kundschaft per App zuweisen zu lassen - statt von der Taxizentrale. Mytaxi nahm pro vermittelter Fahrt Provision - und zwar einen festen Betrag. Zu Beginn dieses Jahres änderte das aufstrebende Unternehmen dann aber die Regeln: Nun sollte jeder Fahrer seine Provision selbst bestimmen - und zwar anteilig am Umsatz einer Fahrt, zwischen drei und 15 Prozent kann er nun geben. Und viele unterboten sich gegenseitig.

Das bekamen auch viele Kunden zu spüren: Weil ein entfernterer, aber spendierfreudigerer Fahrer den Zuschlag bekam - und man warten musste. Weil zu Zeiten, da wenig los war, manch ein Fahrer viel zu viel abgetreten hatte - und seinen Ärger nun am Fahrgast ausließ.

Ausgerechnet in der digitalen Welt, so oft als Heilsbringer gepriesen, herrschen also dieselben Mechanismen wie einst in der analogen Welt. Und womöglich haben die Egoisten heute sogar einen gewissen Startvorteil. Denn in einer Welt, in der es vor allem darauf ankommt, in kürzester Zeit eine große Menge Menschen für seinen Dienst zu begeistern, zählt Schnelligkeit. Nicht Anstand. Fragt sich nur, wie weit man es mit einem Unternehmen bringt, dessen Geschäftsgrundlage die Rücksichtslosigkeit ist.

Bislang finanzieren sich die neuen Internetdienste nämlich vor allem mit Risikokapital. Dass sie auch auf eignen Füßen stehen können, müssen sie erst noch beweisen. Bislang beziehen sie ihr Selbstbewusstsein, das bei manchen längst in Selbstüberschätzung umgeschlagen ist, allein aus der Erfahrung, dass sie mit ihren neuen Diensten gestandene Manager das Fürchten gelehrt und etablierte Branchen ins Wanken gebracht haben. Das ist fatal.

Denn so sitzen sie einem Irrglauben auf: dass sie als Vermittler eines Dienstes wichtiger wären als diejenigen, die den eigentlichen Dienst erbringen. Sie vergessen, dass es nicht nur unanständig ist, auf Partnerschaften zu pfeifen, sondern auch unklug, weil aus verärgerten Partnern schnell Feinde werden.

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