Süddeutsche Zeitung

Enthüllungen über Baidu:Fernsehsender attackiert Chinas Google

Chinas staatlicher Fernsehsender CCTV wirft den Verantwortlichen des Suchportals Baidu dunkle Machenschaften vor. Doch die Enthüllungen sind Teil eines Machtspiels - auch die TV-Station will vom Internet-Boom profitieren.

Marcel Grzanna

Die erste Attacke kam in den Abendstunden, nachdem es sich viele Chinesen vor den Fernsehgeräten gemütlich gemacht hatten. Das staatliche Fernsehen CCTV griff das national führende Internetportal Baidu in seiner beliebten Sendung "Wirtschaft und Gesetz" mit einer investigativen Reportage frontal an. Dauer 23 Minuten.

Die Journalisten deckten auf, Baidu habe mit Hilfe seiner Suchmaschine wissentlich die Vertreiber von falschen Medikamenten bei deren krimineller Machenschaften unterstützt. Dabei seien Werbekunden des Marktführers teilweise geprellt werden.

Der Report wurde am Tag danach mehrfach wiederholt, ehe am Dienstagabend eine neue Attacke von CCTV folgte. Diesmal ging es um fehlende Moderation von Baidu-Foren, in denen Privatpersonen mitunter übel beleidigt werden.

Erwischt, Pech gehabt, könnte man meinen. Doch die Angelegenheit geht über investigativen Journalismus weit hinaus. Denn das Staatsfernsehen ist nicht nur Unterhaltungsmedium, sondern auch das größte Propaganda-Organ der Volksrepublik. Nichts geschieht in der staatlichen Sendergruppe rein zufällig.

Baidu als Liebling der Partei

Das gilt besonders für Berichte über wirtschaftliche Schwergewichte. Zumal Baidu bislang als Liebling der regierenden Kommunistischen Partei galt. Denn kein anderes Unternehmen der Branche fügt sich den Anforderungen der chinesischen Zensurbehörde derart widerstandslos wie Baidu.

Also wird spekuliert, was die Gründe sein könnten für die Attacken. Manche glauben, es geht um Werbeeinnahmen, von denen CCTV in den vergangenen Jahren einige Milliarden Yuan an Internetfirmen und vor allem Baidu verloren hat. Andere sind sicher, dass es der Kampf um Marktanteile von Suchmaschinen ist.

Konkurrenten im Suchgeschäft

Denn auch CCTV bietet künftig einen Suchservice und folgt damit anderen staatlichen Medien wie dem Parteiorgan Volkszeitung, das ebenfalls Webservice entwickelt hat. So oder so leidet die Reputation von Baidu unter den Berichten. Der Wert der Unternehmensaktie ist um neun Prozent gesunken.

Die Partei hat lange zugesehen, wie private Unternehmer den Onlinemarkt erobert und unfassbar reich geworden sind. Das hat Begehrlichkeiten geweckt. Außerdem geht es um Kontrolle. Denn nur wenn die Partei die öffentliche Meinung langfristig steuern kann, hat sie eine Zukunft als autoritäre Institution.

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Quelle:
SZ vom 19.08.2011/joku
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