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Digitalisierung:Die vielfältige Gesellschaft steht auf dem Spiel

Anders als das erwähnte Verkehrsfluss-Beispiel dürften optimierte Empfehlungen, die sich oft zu selbsterfüllenden Prophezeiungen Ihres nächsten Kaufs entwickeln, nicht das beste Modell bei der Online-Büchersuche sein. Big Data können unsere Optionen vervielfachen und gleichzeitig Dinge herausfiltern, die wir nicht sehen wollen, aber es hat schon etwas für sich, gerade dieses elfte Buch durch einen glücklichen Zufall zu entdecken.

Was für den Bücherkauf gilt, gilt auch für viele andere Systeme, die gerade in den digitalen Raum verlagert werden, wie etwa unsere Städte und Gesellschaften. Zentrale kommunale Systeme verwenden nun Algorithmen, um die städtische Infrastruktur zu überwachen, angefangen bei Ampeln und U-Bahn-Nutzungsverhalten, bis hin zur Abfallentsorgung und Energieversorgung. Weltweit sind viele Bürgermeister von der Idee fasziniert, einen zentralen Kontrollraum zu haben, von dem aus Städtemanager in Realzeit auf neue Informationen reagieren können.

Apple Mit Apples Kopfhörerbuchse stirbt ein Stück analoger Anarchie
Apple iPhone 7

Mit Apples Kopfhörerbuchse stirbt ein Stück analoger Anarchie

Kampf dem Kabel: Beim iPhone 7 fehlt der Klinkenanschluss, Millionen Nutzer brauchen Adapter oder neue Kopfhörer. Dabei geht es Apple gar nicht um die Klangqualität.   Von Simon Hurtz

Mit zentralisierten Algorithmen, die langsam jede Facette der Gesellschaft organisieren, droht jedoch die datengesteuerte Technokratie Innovation und Demokratie zu erdrücken. Das muss um jeden Preis verhindert werden. Dezentrale Entscheidungsfindung ist essenziell für eine vielfältige Gesellschaft. Umgekehrt basiert datengesteuerte Optimierung auf festgelegten Mustern, die in ihrer momentanen Form genau die Ideen ausschließt, die überraschend sind und Normen durchbrechen. Aber nur solche Ideen können die Menschheit voranbringen.

Menschliche und künstliche Intelligenz sollten zusammenwirken

Ein gewisser Grad von Zufall im Leben ermöglicht neue Denkmuster, die andernfalls fehlen würden. Auf Makroebene ist der Zufall auch für das Leben an sich notwendig. Hätte die Natur vorhersehbare Algorithmen verwendet, die zufällige Mutation bei der Vervielfachung von DNA verhindern, wäre der Planet vermutlich immer noch in einem Stadium von höchst optimierten Einzellern.

Dezentrale Entscheidungsfindung kann durch natürliche und künstliche Koevolution Synergien zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz erzeugen. Dezentrale Intelligenz mag manchmal kurzfristig die Effizienz mindern, aber auf lange Sicht wird sie zu einer kreativeren, vielfältigeren und belastbareren Gesellschaft führen. Der Preis der Anarchie ist ein Preis, den es sich zu zahlen lohnt, wenn wir zufällige Innovation erhalten wollen.

Carlo Ratti ist Direktor des Senseable City Laboratory am Massachusetts Institute of Technology und Vorsitzender des Global Agenda Council für Stadtmanagement des Weltwirtschaftsforums.

Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und Leiter der Projekte FuturICT und Nervousnet.

Deutsch von Sofia Glasl

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