Süddeutsche Zeitung

Digitale Hilfsmittel:Wir Doofen

Google Maps zeigt uns den Weg, Autos parken für uns ein, Handys merken sich für uns Nummern. Doch je mehr wir uns auf die digitalen Helfer verlassen, umso mehr verlieren wir Fähigkeiten, die einst überlebensnotwendig waren. Geben wir unseren Verstand an die Technik ab?

Früher hieß es: Wenn's kracht, geht's noch einen Meter. Heute piepst das Auto beim Einparken schon einen halben Meter vorher, Segeln kann man dank GPS auch ohne Sextanten, und wer braucht noch eine Landkarte im Auto? Doch je mehr wir uns auf die digitalen Helfer verlassen, umso mehr verlieren wir auch an Fähigkeiten, die einst selbstverständlich, teilweise überlebensnotwendig waren. Eine kleine Auswahl.

Autofahren

Ja, es ist der Horror eines jeden Autofahrers, und nein, gegen ein System, das einen warnt, wenn das Auto vor einem abrupt bremst, oder dass ein Radler von rechts heransaust, kann man wirklich nichts haben. Denn schließlich ist es ja so: Das elektronische Auge schläft nie. Außer, ist es ist vom Schneematsch zugeschmiert, von irgendwelchen Signalen gestört oder es erkennt das Schild auf der Verkehrsinsel als Gegenverkehr. Kommt alles vor, weshalb man auch autonome Autos nicht ohne einen Fahrer auf die Straße lässt, der in kritischen Situationen eingreifen kann. Also nichts gegen die Sensoren und Kameras, denn sie können Dinge, die ein Mensch nicht kann. Aber dass eine Verkehrsinsel eine Verkehrsinsel ist und keine Gefahr, das erkennt bis jetzt nur der Mensch zweifelsfrei.

Telefonieren

Die wenigen Ziffern, die man zur Bedienung des einstigen Zahlenmonstrums namens Telefon heute noch braucht, sind die vier zur Entsperrung des Handys (wobei sich mancher nicht einmal die vierstellige Zahl merken will, sondern lieber ein Muster, das man auf den Schirm malen muss). Die gute, alte Telefonnummer existiert im Alltag, also im Adressbuch, für gewöhnlich nur noch als Schatteninfo eines sichtbaren Namens, wie die Nullen und Einsen eines Computerprogrammcodes. Auch lässt man sich Nummern nicht mehr geben, sondern schicken, was die Nerven schont, weil man sich das Diktieren von Zehnerzahlen spart ("Vier . . .", sagt der Andere, man tippte die vier und hörte " . . . zehn"). Sehr praktisch. Aber wenn man deswegen die Nummer der eigenen Frau nicht mehr weiß, muss man sich Gedanken machen. Sollte einem irgendwann auch noch ihr Name entfallen, wird's ganz schwierig.

Navigieren

Die Sarita lag gut 80 Meilen östlich von Kreta mit Kurs auf Ashkelon in Israel, als der Orkan sie traf. Andi Sulzer, ein erfahrener Skipper aus Wien, steuerte die 16-Meter-Yacht. Bevor der Mast brach, konnte er noch seine Position durchgeben. Dann war Schluss mit der Orientierung. Ohne Mast keine Antenne, ohne Antenne kein GPS, zumindest damals, bei der Ecker-1000-Meilen-Regatta 1994. Heute hat jedes bessere Mobiltelefon eine GPS-Funktion, die Navigationsgeräte sind metergenau. Da mag seemännische Navigierkunst anachronistisch anmuten. Doch das ist tödliche Ignoranz, vor allem auf Langfahrten. Blitzschlag, Stromausfall, Salzwasser im Gerät, es gibt viele Möglichkeiten, das GPS-System lahmzulegen.

Wer da nicht parallel zur hochtechnischen Navigation nach alter Seefahrer Sitte auf der Karte den Kurs mitkoppelt, handelt höchst leichtsinnig. Mitkoppeln heißt: jede Stunde Kurs und Geschwindigkeit eintragen, mit Berücksichtigung der Missweisung (geografischer Nordpol) und Deviation (schiffsbedingte Kompassabweichung). Und mit dem Sextanten wird, etwa bei der Fahrt über den Atlantik, wenn möglich die Mittagsbreite genommen als Korrektur oder Bestätigung für die Koppelung. Die Sarita jedenfalls erreichte damals den Hafen mit Notbesegelung punktgenau auch ohne GPS.

Dieser Moment gehört mittlerweile zu den schönsten, die der krisengeschüttelte, in seinem Selbstverständnis erschütterte moderne Mann noch erleben darf: Die Rückkehr des ihm allein unbeschränkt zur Verfügung stehenden Herrschaftswissens. Dazu verhelfen ihm das Smartphone und Wikipedia. Wir sprechen von jenem magischen Moment, in dem man sein Smartphone zückt, in die ratlose Runde blickt und mit einem Anflug von Selbstlosigkeit und Understatement lässig murmelt: Ich schau mal nach. (Nicht sagen: Das haben wir gleich.)

Zum Beispiel, wann Russland Alaska an die Vereinigten Staaten verkauft hat und zu welchem Preis (das dümmste Geschäft in der Geschichte) oder welcher Schauspieler eigentlich die Hauptrolle sowohl in "Der weiße Hai" als auch in "Ben Hur" abgesagt hat. Oder wie sich noch mal gleich der Bundesrat zusammensetzt und worüber er überhaupt entscheidet. Fragen also, wie sie nun mal zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgeworfen werden. Und die Männer (Frauen ist es oft zu blöd, nach dem Smartphone zu suchen), gern und generös mit ihrem Lieblingsspielzeug beantworten, dessen fantastische Funktionen sonst mehr oder weniger brach liegen.

Davon abgesehen ist Wikipedia natürlich wirklich praktisch. Egal, was man wissen will, man findet es. Deshalb ist schon die Frage berechtigt, warum man sich überhaupt noch etwas merken soll. Möglicherweise, weil man in einem Bewerbungsgespräch nicht alles nachschauen kann. Sonst ist man nämlich ein Depp, der nichts weiß, noch nicht mal, dass Alaska 1867 für 7,2 Millionen Dollar vertickt wurde und Paul Newman sich schwer verschätzte, als er bei den beiden Filmen nicht mitspielen wollte. Das mit dem Bundesrat schauen Sie mal lieber selbst nach.

Ach ja, apropos Wikipedia: Kennen Sie Leute, die dort aufgeführt sind, persönlich? Bei denen merkt man immer, dass bei den Details nicht alles stimmt. So viel zum Angeben mit Wikipedia, auch wenn es noch so praktisch-phantastisch ist.

Erinnern

Es war vielleicht nicht immer Zuneigung, sondern eher Ordnungsliebe, wenn Geburtstagskarten oder Anrufe von Menschen kamen, mit denen man sonst eigentlich nicht so besonders viel zu tun hatte. Diese Leute hatten eben einen Kalender, in den sie die Geburtsdaten von Menschen notierten, die ihnen - zumindest irgendwann einmal - wichtig waren. Viele jüngere Menschen haben inzwischen Facebook erlaubt anzugeben, wann sie Geburtstag haben. Aus Sicht des Gratulanten ist es schon fast schwerer, die Meldungen wegzuklicken als schnell ein "Mach's gut, Alter" oder ein "Willkommen im Club" hinzutippen. Merken muss man sich jedenfalls nichts mehr. Don't call us, we call you.

Einparken

Es piept. Erst in langen Abständen, dann in immer schnelleren, schließlich erfüllt ein nervtötender Dauerton das Wageninnere. Am liebsten würde man jetzt noch mal richtig aufs Gaspedal treten. Doch das gäbe Ärger mit dem Autoverleih. Oder Häme. Denn man hätte es schließlich trotz Einparkhilfe nicht geschafft, das Auto ohne Schrammen in die Parklücke zu manövrieren. Zugegeben, früher war das leichter, als man noch Autos baute, deren Seiten- und Heckfenster nicht schlitzförmig waren. Oder die noch nicht so plump und groß waren wie ein Traktor. So ein bisschen ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo das Auto anfängt und wo es aufhört, wäre aber vielleicht auch nicht schlecht. So käme man dann auch in Italien angstfreier durch die engen Gassen.

Kartenlesen

Zuerst vermessen, dann digitalisiert. Verfahren kann man sich mit einem Navigationsgerät doch eigentlich nicht mehr, oder? Na ja. Schon mal nachgeguckt, wie viel Orte namens Neustadt es gibt? 22 sind es allein in Deutschland, dazu noch mal genauso viele Ortsteile. Ein Rest gesunden Misstrauens sollte also mitfahren, bevor man sich allzu sehr auf die ansonsten phantastischen Kästchen an der Windschutzscheibe verlässt. Phantastisch finden das vor allem Männer, weil man sich mit dem Partner während der Fahrt noch besser anschweigen kann. Andererseits: Wenn es Geräte gibt, die schon viele Beziehungen vor der Zerrüttung bewahrt haben, steht das Navi sicher weit vorne auf der Liste. Eine Karte im Auto schadet nicht. Als Back-up, und weil man auf diese Weise einen besseren Überblick hat, darüber etwa, ob das gesuchte Neustadt nun an der Waldnaab, an der Aisch oder an der Donau liegt.

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Quelle:
SZ vom 01.06.2013/bero
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