Demonstrationen an der Wall Street Mindestens 80 Verhaftungen bei Anonymous-Protesten

Hunderte junger Menschen protestieren seit einer Woche im Zentrum des Kapitalismus für eine bessere Welt - mobilisiert durch das Hackerkollektiv Anonymous. Doch die Stadt New York hat keine Lust auf Rebellion - und geht verstärkt gegen die Demonstranten vor.

Als das Hacker-Kollektiv Anonymous vor einigen Monaten zur Besetzung der Wall Street aufrief, war es noch belächelt worden: Können Aktivisten, die mit Denial-of-Service-Attacken und Hacker-Angriffen bislang vorwiegend in der digitalen Welt operierten, auch eine Protestbewegung in der realen Welt anführen?

Demonstrierende Aktivisten in New York: Hierarchieloses Kollektiv ohne konkrete Forderungen.

(Foto: REUTERS)

Zumindest scheinen diejenigen, die dem Aufruf gefolgt sind, Ausdauer zu besitzen: Seit dem 17. September laufen die friedlichen Protestaktionen, zahlreiche Aktivisten campieren rund um den Zuccotti Park, einem kleinen Platz im Süden Manhattans, nicht weit von der Börse entfernt.

Am Samstag gingen nach Angaben der New York Times wieder mehrere hundert Demonstranten auf die Straße. Dabei verhaftete die Polizei mindestens 80 Teilnehmer, wie die Zeitung berichtet. "In den meisten Fällen handelt es sich um ungebührliches Verhalten von Menschen, die Auto- und Fußgängerverkehr behindert haben, aber es ging in einigen Fällen auch um Widerstand gegen die Staatsgewalt", zitiert sie einen Polizeisprecher. Der Demonstrationszug hätte sich ungenehmigt in Richtung des Gebäudes der Vereinten Nationen bewegt, berichtet das New York Magazine.

Die Demonstranten beklagen hingegen, die Polizeigewalt sei unnötig gewesen. Ein auf YouTube veröffentlichtes Video zeigt, wie die Beamten den Vormarsch des Zuges mit Hilfe eines Netzes behindern wollen, dabei auch Pfefferspray einsetzen und eine junge Frau äußerst hart zu Boden werfen.

Digitale Live-Übertragung

Die digitale Dokumentation der Protestbewegung ist der vielleicht größte Vorteil der Demonstranten: Unter dem Twitter-Hashtag #occupywallstreet berichten die Teilnehmer über aktuelle Aktionen und die Situation vor Ort; tagsüber zeigt ein Livestream auf einer Anonymous-Seite, was vor Ort passiert - mehrere tausend Zuschauer verfolgen das Geschehen so gleichzeitig über das Web.

Die "Besetzung" der Wall Street soll unbestimmte Zeit andauern. Klare Ziele benennen die Organisatoren, zu denen auch die Redaktion des konsumkritischen kanadischen Magazins Adbusters und die lokale Anarchistengruppe General Assembly gehören, bislang nicht: Die Bewegung soll hierarchielos funktionieren, weshalb auf den Transparenten Slogans von "Besteuert die Reichen" bis hin zu "Rettet die Polizei-Pensionen" zu lesen sind.

Jeden Abend diskutieren die Aktivisten mehrere Stunden in einer Generalversammlung über Themen und weitere Aktionen. Aus diesem Gremium, das bereits bei den Jugend- und Studentendemonstrationen in Madrid erprobt wurde, sollen am Ende auch konkrete Forderungen entstehen.

Stadt verschärft das Vorgehen

Der Stadt sind die Demonstranten zunehmend ein Dorn im Auge: Die Polizei musste offenbar aufgrund der Proteste zeitweise Straßenzüge und eine U-Bahn-Station sperren, Pendler hatten auf dem Weg zur Arbeit ins südliche Manhattan mit Verzögerungen zu rechnen.

Die Stadt hat deshalb die Regeln für den Aufenthalt im Zuccotti Park verschärft - nun sind dort Schlafsäcke und Camping-Ausrüstungen verboten. Auch das Tragen der bekannten Guy-Fawkes-Maske, dem Erkennungszeichen von Anonymous, kann den Protestierenden inzwischen Ärger einbringen: Die Polizei hat inzwischen mindestens fünf maskierte Demonstranten verhaftet und bringt dabei ein New Yorker Gesetz zum Vermummungsverbot aus dem Jahr 1845 zur Anwendung.

Der rauere Umgang mit den Demonstranten sorgt zumindest dafür, dass die Mainstream-Medien die Proteste entdecken. Eine breitere Öffentlichkeit ist für die Bewegung auch dringend nötig, soll die Aktion zum Erfolg werden: Bislang bleibt die Teilnehmerzahl der #occuptywallstreet-Proteste weit hinter den erwarteten 20.000 Menschen zurück.