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Dating-App:Es geht nicht nur um One-Night-Stands

Es geht bei der App längst nicht nur um One-Night-Stands, Tinder jagt etablierteren Partnerbörsen die Kunden ab. Inzwischen sind auch Menschen bei Tinder, die auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung sind. Bestes Beispiel ist Co-Gründer Rad selbst. Er hat seine Freundin auf Tinder kennengelernt: Alexa Dell, die 20-jährige Tochter des Computer-Milliardärs Michael Dell. Die beiden Partygänger räumen auch gleich mit einem anderen Vorurteil auf: dass Tinder nur etwas für Leute ist, die zu schüchtern sind für Kontakte im richtigen Leben.

Rad und Dell und Mateen und Wolfe waren bis zur Trennung des Marketingchefs von der Marketingmitarbeiterin beste Freunde. Rad hat es nicht geschafft, Beruf und Privates voneinander zu trennen. "Mit seinen besten Freunden in einem Start-up zu arbeiten, ist toll, weil man dadurch Energie für harte Zeiten bekommt", sagte er dem Magazin Forbes. "Aber die Grenzen sind verschwommen." Es ist eine schwierige Aufgabe für junge Gründer: eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die locker und freundschaftlich ist, aber noch immer eine Arbeitsatmosphäre. Im September haben sich IAC und Tinder mit Wolfe geeinigt und ihr eine Million Dollar gezahlt.

Wer genau war an der Gründung beteiligt? Und wer hatte wann welche Idee?

Trotz der Kriegerei im Hintergrund ist Tinder ein riesiger Erfolg. In Metropolen wie New York hat die App das Flirten komplett verändert. Es gibt kaum noch junge Leute, die nicht bei Tinder sind - und auch Menschen um die 50 suchen dort Partner oder One-Night-Stands. Wer nicht mitmacht bei dem Trend, beschwert sich, dass sich kaum noch einer die Mühe macht, in einer Bar oder Disko jemanden anzusprechen - Tinder ist unkomplizierter und eine Zurückweisung tut weniger weh.

Tinder veröffentlicht keine offiziellen Nutzerzahlen. Rad gab aber kürzlich in einem Interview Fakten preis: Seit dem Start im Jahr 2012 haben 40 Millionen Menschen weltweit die App heruntergeladen und 30 Millionen sich vollständig registriert - auch in Deutschland ist sie erfolgreich. In den vergangenen zwölf Monaten sind die Nutzerzahlen um 600 Prozent gewachsen. Die Nutzer sehen sich pro Tag 1,2 Milliarden potenzielle Partner an, 14 000 pro Sekunde. Und jeden Tag kommt es zu 14 Millionen Matchs. Riesigen Zuwachs gab es im Winter, als die Medien der Welt berichteten, dass die Athleten im Olympischen Dorf bei der Winterolympiade in Sotschi allerlei Techtelmechtel per Tinder eingeleitet haben.

Trotz des beispiellosen Erfolgs konnte Rad das Ende seines Vorstandspostens nicht verhindern. Er hatte Tinder nicht allein entwickelt, sondern in einem Inkubator der New Yorker Internetfirma Inter Active Corp (IAC), zu der rund 40 Unternehmen gehören, auch die gewinnträchtigen Partnerbörsen Match.com und OKCupid.

Eine Peniszeichnung mit den Initialen BD

Wer genau an der Start-up-Gründung beteiligt war und wer wann welche Idee hatte, ist umstritten. Auch Wolfe behauptet, sie müsse zu den Mitgründern gezählt werden - es sei purer Sexismus, dass Mateen und Rad keine Frau als Co-Gründerin wollen. Die beiden bestreiten das. Fest steht: Rad und Mateen hatten beide andere Start-ups gegründet und sind auf der Suche nach einer neuen Aufgabe bei IAC gelandet, wo die Dating-App-Idee Formen annahm. Weil Rad Tinder als eine Art Angestellter gegründet hat, hat ihm IAC nur zehn Prozent der Anteile am Unternehmen überlassen, IAC gehören 60 Prozent. Der wahre Chef bei Tinder ist daher Sam Yagan, der bei IAC für Datingfirmen zuständig ist. Und natürlich der Medienmogul Barry Diller, der IAC-Chairman. Es dürfte Rad nicht geholfen haben, dass inzwischen allgemein bekannt ist, dass er Diller "Dick", also Penis, genannt hat, und ein Penisbildchen von ihm gekritzelt hat beziehungsweise eine Peniszeichnung, die mit den Initialen BD spielt.

Rad habe es zugelassen, dass die Atmosphäre bei Tinder mehr einer College-Studentenverbindung ähnelt als einem Unternehmen, sagte Chris Gulczynski dem Boulevard-Blatt New York Post. Er verantwortete nach der Firmengründung das Design der App. Rads Managementstil sei unberechenbar, so Gulczynski. "Da gehört ein Erwachsener mit ins Zimmer." Noch ist Rad Chef, bis ein neuer gefunden ist, danach soll er im Aufsichtsrat bleiben. Er selbst sagte Forbes, dass Tinder und IAC "jemanden wie Eric Schmidt" suchen. Google hat Schmidt 2001 den beiden Gründern Larry Page und Sergey Brin als Vorstandschef vor die Nase gesetzt, Page und Brin nannten das "elterliche Aufsicht".

Der neue Chef muss Tinders Nutzerzahlen zu Geld machen. Bis heute ist die App kostenlos und werbefrei, sie bringt kaum Umsätze für IAC. Rads Unterstützer unken, dass es IAC gar nicht um die Führungsqualitäten des Gründers ging, sondern dass sie unzufrieden waren, weil Tinder nichts einbringt. Rad hatte am Tag seiner Kündigung Ideen für eine Premium-Version der App verkündet, für die die Nutzer bezahlen sollen. Analysten schätzen den Wert von Tinder zwischen einer und 1,5 Milliarden Dollar. Wagniskapitalgeber könnten noch viel mehr ausgeben. Aber dafür muss Tinder einen Plan für Gewinne vorweisen - und eine Führungskultur ohne Skandale um Sex, Liebe, Freundschaft, Penisbildchen und verletzte Egos.