"Counter-Strike"-Weltmeisterschaft in Köln Raum für kleine und große Heldentaten

Dabei hat das, was der Zuschauer davon zu sehen bekommt, nur bei sehr oberflächlicher Betrachtung noch diesen Ruch des brutalen, verrohenden Militär-Geballers. Stattdessen muss man sich ein Counter-Strike-Match mit all seinen taktischen Feinheiten eher wie ein Fußballspiel vorstellen, das nur aus den Perspektiven der einzelnen Spieler gefilmt wird. Die Regie wählt ständig aus, durch wessen Augen die Kamera jetzt blickt: Die des Stürmers, der gerade kurz davor ist, den entscheidenden Punkt zu machen? Die des Mittelfeldspielers, der versucht, Lücken in der Strategie des Gegners auszumachen und seine Mitspieler auf entsprechende Positionen zu schicken? Oder die des Verteidigers, der drei mögliche Angriffswege gleichzeitig überwachen muss? Es ist die Übertragung eines Mannschaftssports, ohne jemals das ganze Spielfeld zu zeigen.

Zuschauer beim Counter-Strike-Turnier: Gaming, so spannend wie ein Fußballmatch.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Um das Publikum mit den vielen Perspektivwechseln nicht zu überfordern, sieht es auf den Leinwänden mehr als jeder einzelne Spieler: Alle Figuren sind schon von weitem an ihren gelben oder blauen Silhouetten zu erkennen, durch den dichten Nebel einer Rauchgranate ebenso wie durch dicke Betonwände. Auf einer Übersichtskarte sind die aktuellen Positionen aller Spieler vermerkt, Listen am Bildschirmrand informieren über den Punktestand und die Ausrüstung aller Gegner, die noch nicht ausgeschieden sind. Das Spiel mag in Bilder von Militäruniformen und Nachbildungen realer Schusswaffen gekleidet sein, aber das ist es nicht, was Spieler und Zuschauer fasziniert. Es sind die komplizierten Strategien und die blitzschnell wechselnde Dynamik, die Raum für kleine und große Heldentaten bieten, wie sie im Fußball Größen wie Ronaldo oder Messi vorbehalten sind.

Klick. Treffer. Zwei Sekunden vor Ablauf der Zeit.

In Counter-Strike-Team von Fnatic heißt ein solcher Held "Flusha", mit bürgerlichem Namen Robin Rönnquist. Immer wieder ist er es, der schon verloren geglaubte Runden rettet, auch mal allein eine Übermacht von drei Gegnern besiegt. "Ich spiele gerne alleine dort, wo auch immer ich gerade gebraucht werde", beschreibt er seine Rolle im Team. Weil er in diesen aussichtslosen Situationen so zuverlässig trifft, warfen ihm Anfang des Jahres manche Gegner vor, er würde "cheaten", also mit unerlaubten Hilfsprogrammen betrügen. Bestätigt haben sich diese Anschuldigungen bislang nicht. Er selbst sagt, dass er seine Maus "ungewöhnlich oft anhebt", wodurch manchmal ruckartige Bewegungen auf dem Bildschirm entstehen, die wie eine Zielhilfe aussehen können. Flusha gilt als einer der besten Counter-Strike-Spieler der Welt.

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Dem Virtus-Pro-Fan mit den unfreiwilligen Hasenohren steht deshalb am Sonntag noch ein frustreicher Abend bevor. Mit der Halbfinal-Niederlage seines Teams hat er sich abgefunden und offenbar beschlossen, jetzt die Finalgegner von Fnatic, ein französisches Team namens "EnVyUs", mit Klatschen, Trommeln und gröhlendem Gesang zu unterstützen. Sein trotziger Enthusiasmus scheint sich zu lohnen: Den Spielern von EnVyUs gelingt es immer wieder, die Aufstellung von Fnatic zu stören und einzelne Gegner von ihrem Team zu isolieren, um sie aus dem Rennen zu nehmen. Es steht 14:6, und schon wieder ist von Fnatic nur noch Flusha am Leben, bereits verwundet. Vorsichtig schleicht er um eine Hausecke. Nur noch 15 Sekunden zu spielen.

Ein paar Pixel eines Gegners ragen hinter einer Kiste hervor, ein Klick, ein Schuss, ein Treffer. Noch zehn Sekunden. Flusha tastet sich weiter voran, umrundet einen steinernen Brunnen. Dahinter, für ihn unsichtbar, eine gelbe Silhouette, geduckt. Sechs Sekunden. Flusha dreht sich von seinem Gegner weg, ihm den Rücken zu, bewegt sich in seine Schusslinie. Vier Sekunden. Sucht die Umgebung ab, dreht sich hektisch in alle Richtungen, endlich auch in die Richtige. Klick. Treffer. "Fnatic gewinnt die Runde", steht auf der Leinwand. Zwei Sekunden vor Ablauf der Zeit. Der Fan vergräbt sein Gesicht wieder in den Hasenohren. Am Ende gewinnt Fnatic den ersten Satz mit 19:15. Der zweite Satz geht dann ganz schnell.