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Codename "Marina":NSA speichert Internet-Metadaten bis zu 365 Tage

Neue Dokumente von Whistleblower Snowden geben weitere Einblicke darüber, wie die NSA Daten sammelt - und wie sie daraus Persönlichkeitsprofile erstellt.

Der US-Nachrichtendienst NSA speichert die Metadaten von Millionen Internetnutzern bis zu 365 Tage. Das geht aus einem Bericht des Guardian hervor. Die Metadaten werden demzufolge gespeichert, unabhängig davon, ob die Person zum Zeitpunkt der Überwachung für den Geheimdienst von Relevanz ist. Das Projekt läuft unter dem Codenamen "Marina".

Metadaten umfassen beinahe alles, was Nutzer täglich online machen. Das fängt an bei den Seiten, die besucht werden, samt dem kompletten Browserverlauf, und geht dem Guardian zufolge bis hin zu spezifischen Passwörten, die benutzt werden.

Präsident Obama beteuert seit Bekanntwerden der Affäre, dass die NSA in Art und Umfang ihrer Überwachung sehr gezielt vorgehe. Durch den neuen Bericht dürfte er weiter in Bedrängnis geraten.

In den von Edward Snowden geleakten Dokumenten befindet sich dem Guardian zufolge ein Einführungskurs für NSA-Agenten, wie das System zu nutzen sei. Dort heißt es, dass die in der Datenbank Marina gespeicherten Informationen zum Beispiel auch in Diagramm-Form anzeigbar seien, um eine "Entwicklung in den Lebensstationen" sichtbar werden zu lassen, also zu überwachen, wie sich Menschen entwickeln, zum Beispiel radikalisieren.

Die Fähigkeit, bis zu einem Jahr an Vorgeschichte zur Verfügung zu haben, berge für die NSA das Potenzial, Informationen über Menschen zu finden, die sich eventuell in dieser Zeit radikalisiert haben. Es bedeutet aber auch, dass die persönlichen Daten von Millionen Internetnutzern gespeichert werden, die für US-Geheimdienste niemals ins Visier rücken werden, schreibt der Guardian.

Die Metadaten, von denen die Rede ist, beziehen sich ausschließlich auf die Nutzung des Internets, nicht jedoch auf Telefondaten. Diese werden aber separat ebenfalls gespeichert - bis hin zu fünf Jahren.

Die gesammelten Metadaten sind in ihrer Gesamtheit dazu geeignet, ein detailliertes Beziehungsgeflecht offenzulegen.

Wie dieses Beziehungsgeflecht aussehen kann, hat die New York Times am vergangenen Wochenende berichtet. Die NSA sei demnach in der Lage, die Daten so auszuwerten, dass sie zum Beispiel folgende Fragen beantworten könne: Mit wem kommuniziert ein Mensch? Zu welchem Zeitpunkt war er an welchem Ort? Mit wem war er unterwegs? Dieses "soziale Netzwerk" der NSA beinhaltet auch Metadaten aus Telefonaten.

Dass es ein Projekt mit dem Namen Marina gibt, das war schon zuvor bekannt geworden. Neu ist das Ausmaß. Als der Guardian über das Spähprogramm XKeyscore berichtete, hieß es, dass die Daten dort maximal für einen Zeitraum von 30 Tagen gespeichert werden könnten. Die Daten würden in eine andere Datenbank verlegt werden, wenn deren Inhalte "interessant" seien. Zu sehen auf einer Folie waren Datenbanken mit den Namen: Pinwale, Trafficthief - und eben Marina.

Die Daten werden gesammelt über Spähprogramme wie Prism, XKeyscore oder aber, indem direkt Unterseekabel angezapft werden.

Linktipp: Forscher des Massachusetts Institute of Technology haben ein Projekt namens "Immersion" gestartet, um zu verdeutlichen, was Metadaten sind und wie genau sie die Beziehungen von Menschen offenlegen. Nutzer können, sofern sie Googlemail nutzen, sich über die Seite anmelden und ihr eigenes Netz beobachten. Ohne auch nur einen Satz des konkreten Inhalts zu lesen, ist offen ersichtlich, wie die Präferenzen liegen, wer eine Rolle spielt und wie oft die Kommunikation stattfindet. Wer sich nicht mit seinen eigenen Daten anmelden will, kann eine "Demoversion" anschauen.

© Süddeutsche.de/hatr
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