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Umstrittener Vorstoß:Mobilfunkfirmen könnten Werbung auf dem Handy blockieren

  • Große Mobilfunkanbieter planen einem Bericht der Financial Times zufolge, Onlinewerbung in ihren Netzen zu blockieren.
  • Das würde Konzerne wie Google treffen, die viel Geld mit mobiler Werbung verdienen.
  • Seit langem fordern die Mobilfunkfirmen eine Beteiligung an Werbeerlösen, die in ihren Netzen erzielt werden.
  • Branchenexperten zweifeln an der Ernsthaftigkeit des Vorstoßes. Eine solche Blockade wäre juristisch kaum durchzusetzen und würde das Prinzip der Netzneutralität infrage stellen.

Bericht über Adblocker für Mobilfunknetze

Es wäre ein massiver Angriff auf das Geschäftsmodell von Internetkonzernern wie Google - und auf das Prinzip der Netzneutralität. Einem Bericht der Financial Times zufolge arbeiten Mobilfunkanbieter daran, Werbeanzeigen in ihren Netzen zu blockieren. Die Provider hätten dann womöglich ein Druckmittel, an den Umsätzen beteiligt zu werden, die mit Onlinewerbung auf mobilen Geräten gemacht werden.

Die Telekom-Unternehmen beschweren sich schon lange, dass Internetfirmen ein erfolgreiches werbefinanziertes Geschäftsmodell in ihren Netzen aufgebaut hätten, ohne sich an den hohen Infrastruktur-Kosten zu beteiligen. Es wird erwartet, dass dieses Jahr insgesamt etwa 69 Milliarden Dollar für mobile Werbung ausgegeben werden - Geld, von dem die Provider nun offensichtlich etwas abhaben wollen.

Die großen Provider Telefónica und Vodafone wollten sich auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung nicht zu den Plänen äußern. Kenner der Mobilfunkbranche sind aber skeptisch, ob solche Pläne tatsächlich Realität werden könnten. Von Seiten der Telekom hieß es, dass man "den Markt beobachte", derzeit aber "keine derartigen Maßnahmen geplant" habe.

Software angeblich einsatzbereit

Die FT berichtet über eine entsprechende Software, die das israelische Start-up Shine entwickelt habe. Die Firma soll sich demnach in fortgeschrittenen Gesprächen mit einer Reihe von Netzbetreibern befinden, darunter einem nicht namentlich genannten europäischen Provider mit fast 40 Millionen Kunden. "Zig Millionen Mobilfunkkunden auf der ganzen Welt" sollen bis Ende des Jahres ein werbefreies Angebot bekommen, zitiert die Financial Times den Marketingchef von Shine. "Das könnte einen verheerenden Einfluss auf die Online-Werbebranche haben."

Ein ranghoher Mitarbeiter eines europäischen Anbieters bestätigte gegenüber der Financial Times die Pläne. Die Software soll bereits in den Rechenzentren installiert und bis Ende 2015 einsatzbereit sein. Man wolle den Kunden zunächst die Möglichkeit bieten, einen werbefreien Service zu buchen. Erwogen werde aber auch ein radikalerer Schritt, genannt "die Bombe", bei dem auf einen Schlag alle Anzeigen im gesamten Netzwerk blockiert werden könnten.

Verstoß gegen die Netzneutralität

Branchenexperten bezweifelten auf Nachfrage der SZ allerdings, dass einer der großen Mobilfunk-Provider ernsthaft eine solche Blockade in Betracht ziehen könnte. Denn sie birgt erheblichen juristischen Sprengstoff: Das Gebot der Netzneutralität besagt, dass alle Datenpakete gleich behandelt werden müssen. Gezielt Anzeigen zu blockieren, würde dieses Prinzip verletzen - und damit gegen entsprechende Vorgaben in der EU und den USA verstoßen. Bereits 2013 scheiterte der französische Provider Free mit einem ähnlichen Vorstoß: Nach nur einer Woche setzte die sozialistische Regierung einen Stopp der Werbeblockade durch.

© SZ.de/dpa/sih/luk/fued
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