Autorip:Amazon gibt CD-Käufern gleich die MP3-Version dazu

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In Deutschland kaufen 80 Prozent der Leute ihre Musik noch auf Tonträgern. Diese Kunden will Amazon jetzt in die Cloud locken - und stellt direkt beim CD-Kauf die MP3s zum Download bereit.

Von Hakan Tanriverdi

Michael Robertsen nannte seine Idee "Da bomb", die Bombe. Kurze Zeit später war sein Geschäftsmodell illegal und seine Firma mp3.com konnte die Pleite nur verhindern, indem sie 2001 durch ein anderes Unternehmen - Vivendi Universal - aufgekauft wurde. Der Grund: Der Verband der amerikanischen Musikindustrie zeigte Robertson mit der Begründung an, dass seine "Bombenidee" in erster Linie daraus bestehe, massiv das Urheberrecht zu verletzen.

Die Grundidee von Mp3.com war simpel: Jeder CD-Käufer sollte seine Songs auch online hören können, ohne dafür extra zahlen zu müssen. Der Käufer musste die CD in den Computer einlegen und damit beweisen, dass er sie auch in physischer Form besitzt. Erst dann konnte er die Songs online streamen - ein Download war ausgeschlossen. Heute könnte man sagen, dass Robertson seiner Zeit - gelinde gesagt - weit voraus war. Heute nennt man das nur anders: Musik aus der Cloud.

Klicken, kaufen, gleich hören

Ab dem 25. Juni erhalten deutsche Kunden von Amazon die MP3 zur gekauften CD gleich dazu - auch als Download. Neben den entsprechenden Songs finden die Nutzer nun den kleinen Zusatz "Inklusive kostenloser MP3-Version dieses Albums."

Das Angebot nennt sich Autorip und umfasst mit 500.000 CDs und 14.000 Vinyl-Platten zwar nur einen Bruchteil der Gesamt-Bibliothek des Unternehmens, es ist aber ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Verhandlungsposition der Musikindustrie verschlechtert hat.

Im Unterschied zu Robertson sind im Fall von Amazon alle großen Labels und Hunderte Indie-Labels mit an Bord, wie Steve Boom, der für das Autorip-Programm zuständig ist, Spiegel Online sagte. Einige der Labels hätten allerdings eine Bedingung geäußert: Ihre Songs sind mit "Wasserzeichen" gesichert; sollten sie auf Download-Seiten auftauchen, wären sie somit rückverfolgbar.

Für die deutschen Kunden von Amazon ist das Angebot eine gute Nachricht. Sie können eine kleine Zeitreise antreten - der Dienst lädt alle CD-Käufe seit 1999 in den Amazon Cloud Player. Wer die CD oder Vinyl kauft, kann die Songs gleich hören, während die CDs noch unterwegs sind.

Der Umsatz von reinen CD-Käufen ist im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent zurückgegangen. Aber die Gesamtzahl ist trotzdem beeindruckend: Laut dem Bundesverband Musikindustrie werden in Deutschland aktuell 80 Prozent der Musik auf Tonträgern gekauft - Scheiben und Platten, die man in den Händen halten, ein- oder auflegen kann.

Amazon befindet sich damit in einer günstigen Position. Die Konkurrenten von Apple und Spotify verkaufen keine CDs, Läden wie Media Markt verfügen über keinen Cloud Player.

So sollen die User in die Cloud

In den USA bietet Amazon Autorip bereits seit Anfang 2013 an. Zum Start hat das Unternehmen seinerzeit bekannt gegeben, was der langfristige Plan ist: Möglichste viele User in die Cloud bringen.

Apple und Amazon bieten beide schon länger ein anderes Cloud-Angebot. Der Nutzer kann für 25 Euro im Jahr Songs, die er in seiner digitalen Musikbibliothek hat, über die Cloud des Anbieters anhören. Der Vorteil: Der Kunde hat seine gesamte Sammlung immer und überall zum Abruf bereit.

Durch das Vorpreschen mit Autorip hofft Amazon nun, die Konkurrenz zu übertrumpfen. Wer sich einmal wohlfühlt in der Cloud, soll gleich dort bleiben, so das Kalkül.

Damit kommen wir wieder zu Robertson. Nachdem seine Idee mit Mp3.com gescheitert war, entwickelte er im Anschluss daran noch ein Geschäftsmodell. Es lautete AnywhereCD und sah vor, dass Kunden, die sich eine CD gekauft haben, gleich die MP3-Version dazu geliefert bekommen. Auch so eine Bombenidee. Der Dienst wurde 2007 eingestellt - weil nur eines von sechs großen Labels bei seiner Idee mitmachte. "Lernt aus meinen Fehlern", hat er damals geschrieben. Wie es scheint, hat Amazon genau das getan.

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