Süddeutsche Zeitung

Alternatives soziales Netzwerk:Facebook-Flüchtlinge entdecken Ello

Facebook erlaubt nur echte Namen. Für die schwul-lesbische Community ist das ein Grund, nach Alternativen zu suchen. Eine davon ist Ello. Dort sollen sich aktuell Zehntausende neue Nutzer anmelden.

Von Hakan Tanriverdi

Michelle Tea hasst Facebook. Zugegeben, das allein ist noch nichts Besonders. Ein soziales Netzwerk, das mehr als eine Milliarde Nutzer hat, das kann ja nicht jeder mögen. Aber der Hass, den Tea verspürt, ist grundsätzlicher. Er wird deutlich, wenn man ihren Facebook-Post vom 19. September liest: "Ich hasse Facebook", heißt es da, und weiter: "Wo könnten wir alle denn sonst noch hingehen? Gibt es einen queeren Technikfreak, der das gerade für uns herausfindet?" Das Wort "queer" wird häufig in der schwul-lesbischen Community benutzt. Ursprünglich war es ein Schimpfwort, um Schwule und Lesben zu degradieren. Diese haben sich den Begriff aber angeeignet, ihn positiv besetzt - und nutzen ihn nun selbst.

Es sind genau diese queeren Leute, die Tea geantwortet und eine digitale Massenwanderung ausgelöst haben, die jetzt im Mainstream ankommt. Weg von Facebook, hin zu der Alternative mit dem Namen Ello, die niedliche Variante von Hello. Ello wächst momentan um 27 000 Nutzer pro Stunde, berichtet der Techblog Betabeat; das wären 648 000 Personen pro Tag.

Die bittere Konsequenz der Klarnamen-Politik

Der Grund für die Massenwanderung ist die Klarnamen-Regelung auf Facebook. Wer auf dem Netzwerk angemeldet ist, muss seinen echten Namen angeben, andernfalls werden die Accounts gelöscht. Mark Zuckerberg hatte 2010 gesagt, dass Menschen nur eine Identität hätten, alles andere sei ein "Mangel an Integrität". Von der Löschung betroffen waren in letzter Zeit vor allem Drag Queens, die heftig gegen die Regelung protestierten. Eine Online-Petition unterzeichneten 30 000 Nutzer. Facebook traf sich mit Vertretern aus der Community, änderte aber nichts an der eigenen Position.

Warum diese Regelung bittere Konsequenzen haben kann, hat die Künstlerin Jade Sylvan in der Washington Post ausgeführt. Sie schreibt, dass sie mit zwei Identitäten aufgewachsen sei - die queere Künstlerin auf der einen Seite, die Frau im katholischen Mittleren Westen der USA auf der anderen Seite. Beide Personae seien gleich wichtig für sie gewesen: "Es hat immer Leute gegeben, die uns für unsere Identität bestrafen, für ungültig erklären, sie uns wegnehmen wollten." Menschen, denen es so gehe, haben ein Recht darauf, mit ihrer Community in ihrer jeweiligen Identität zu interagieren, schreibt Sylvan. Das sei kein Mangel an Integrität, sondern viel mehr: Ehrlichkeit.

Warum genau Ello als Alternativ-Netzwerk ausgesucht wurde, ist unklar. Schließlich gibt es Ello bereits seit März und trifft auf viel Konkurrenz: Zig andere Orte im Internet versuchen Facebook und dessen wiederholtes Ignorieren von Nutzerwünschen für Eigen-PR zu nutzen, zum Beispiel Diaspora. Funktioniert haben diese Versuche bislang aber nur spärlich bis gar nicht. Und noch ist keineswegs klar, ob für die jetzt abwandernden Nutzer Facebook tatsächlich ersetzt wird oder ob Ello nur ein weiterer, zusätzlicher Aufenthaltsort im digitalen Raum wird.

Ello will werbefrei bleiben

Doch Ello ist es gelungen, sich als alternatives Netzwerk zu inszenieren, zumindest für diesen Moment. Mit immensen Zuwächsen, die so heftig sind, dass das Unternehmen kürzlich eine E-Mail verschickt hat. Darin: eine Warnung, dass die Server aufgrund der Zugriffszahlen zusammenbrechen würden.

Ello kokettiert damit, werbefrei zu sein und das auch bleiben zu wollen. "Das Sammeln und Verkaufen von deinen persönlichen Daten, das Auslesen der Beiträge, die du deinen Freunden schickst und das Untersuchen deines Freunde-Netzwerks um des Profits willen ist unheimlich und unethisch", heißt es in der Selbstbeschreibung. Der Kunde solle kein Produkt sein. Geld wolle man damit machen, dass Extra-Funktionen kosten, der Dienst an sich aber kostenlos bleiben soll. Ello ist momentan noch in der Betaversion; wer sich anmelden will, braucht eine Einladung.

Ello sieht gut aus, funktioniert momentan aber noch sperrig. Für soziale Netzwerke wichtige Funktionen wie zum Beispiel das Kommentieren und Antworten werden erst nach und nach eingeführt. Den Hype hat das nicht verhindert.

Sagt Ello die ganze Wahrheit?

Den Ansturm der queeren Community hat Ello-Chef Paul Budnitz ausdrücklich begrüßt. Die Zusammenarbeit mit diesen Nutzern sei besonders wertvoll gewesen, um zu entscheiden, wie die Seite aufgebaut werde. Damit gemeint dürften fehlende Funktionen sein, wie zum Beispiel das Blocken von Nutzern. Nach einem vielgeteilten Blog-Beitrag, in dem beschrieben wurde, dass Blocken exakt jene Funktion ist, die für queere Personen besonders wichtig ist, um sich vor Beleidigungen zu schützen, hat Ello schnell reagiert und diese Funktion priorisiert.

Mittlerweile wird auch Kritik laut. Die Art und Weise, wie die Seite daherkommt, soll den Eindruck erwecken, dass es sich hier um einen ganz neuen Ansatz handele. Andy Baio, ein früherer Mitarbeiter von Kickstarter, bemängelt, dass die Macher hinter Ello nicht die ganze Wahrheit erzählt hätten.

Die Firma habe 435 000 US-Dollar Wagniskapital erhalten: "Venture-Kapitalisten geben das Geld nicht aus purem Wohlwollen", schreibt Baio. Das Ziel sei in der Regel nur die sogenannte Exit-Strategie, also die Möglichkeit, das Unternehmen zu einem späteren Zeitpunkt gewinnbringend zu verkaufen und sich die eigenen Anteile samt Profit abzugreifen. Und damit dieser Gewinn möglichst groß ausfällt, setzen die meisten Online-Dienste letztlich eben doch auf die Strategie, massenhaft Nutzerdaten zu sammeln und ihr Wissen darüber zu verkaufen. "Ich glaube, unter diesen Umständen ist es ratsam, kritisch zu bleiben", sagt Baio. Wer weiß schon, was Ellos Versprechen noch wert sind, wenn die Investoren Druck machen.

Auf eine Anfrage von Süddeutsche.de hat Ello bislang nicht reagiert.

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