4. Februar 2014, 14:20 Zehn Jahre Facebook Sage nur, wer du jetzt bist

Was kommt nach Facebook? An seinem zehnten Geburtstag steht das soziale Netzwerk nach den Maßstäben der Finanzindustrie kerngesund da. Und doch grollt es in der digitalen Gesellschaft. Nicht alle wollen sich an Mark Zuckerbergs Spielregeln halten - und werfen sie einfach über den Haufen.

Von Pascal Paukner, San Francisco

Es geht um Sex. Auch um Drogen. Krankheiten? Immer mal wieder. Der spektakulärste Club, den das Internet derzeit zu bieten hat, ist eben nichts für Bangbüxen. Laut ist es hier, dreckig und nie langweilig. Wer mitmachen will, spaziert einfach rein. Name? Herkunft? Aussehen? Beruf? All das interessiert nicht.

"Whisper" heißt der Netz-Verein, der derzeit die amerikanische Jugend aufmischt. Wer hier mitmacht, muss nichts hinterlassen: Keine E-Mail-Adresse, keine Telefonnummer. Einfach starten und schreiben. Nutzerprofile? Freundschaften? Das gibt es alles nicht. "Whisper" wird von seinen Architekten mit: "Where the truth lives" beworben. Die Wahrheit liegt nach Ansicht der Konstrukteure im Verborgenen, im Geheimen, in der Anonymität.

Zehn Jahre wird Facebook am 4. Februar nun auch schon alt. Der Monopolist regiert unangefochten. Und doch tut sich etwas in der digitalen Gesellschaft. Noch ist es wenig mehr als ein kollektiver Groll, der sich mit den Metriken der Finanzindustrie nicht messen lässt. Facebook ist beliebt an der Wallstreet. Aber es gibt inzwischen auch Indizien, die einen Kulturwandel vermuten lassen.

Whisper ist ein Zeichen für einen Kulturwandel

Der Erfolg von "Whisper" ist eines dieser Anzeichen. Drei Milliarden Seitenaufrufe hatte die dazugehörende App fürs Smartphone im vergangenen Dezember. Dieses Angebot steht stellvertretend für eine Reihe neuer Kommunikationskonzepte, die alle eint, dass sie mit den bestehenden Regeln in sozialen Netzen brechen.

"You are who you are when no one is looking", steht auf der Tapete, mit der die Entwickler von Whisper ihren Blog geschmückt haben. Ein Satz, der verdeutlicht, worin das Problem unseres Zusammenlebens im digitalen Raum derzeit besteht. Denn all den Netzwerken, ob sie nun Facebook, Linkedin oder Google Plus heißen, liegt der Gedanke zugrunde, dass das Netz ein besserer Ort ist, wenn die Menschheit sich dort mit ihrer bürgerlichen Identität bewegt.

Zehn Jahre Facebook

Die vielen Gesichter des Gesichtsbuchs

Selbst wer sich auf Facebook mit einem falschen Nachnamen registriert, bleibt von seinem sozialen Umfeld in der Regel eindeutig identifizierbar. Lange Zeit hatte Mark Zuckerberg seinem Netzwerk eine rigide Klarnamenpolitik verordnet. Das war die ausdrückliche Unternehmenspolitik.

Wer Facebook unter Pseudonym nutzte, riskierte von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. In einem Interview mit dem amerikanischen Autor David Kirkpatrick sagte Zuckerberg einmal, wer im Besitz zweier Identitäten sei, der stelle "ein Beispiel für einen Mangel an Integrität dar." Deshalb dulde er keine Pseudonyme. Der Zwang zur bürgerlichen Identität ist eine der weitreichendsten Veränderungen, die Facebook im digitalen Raum herbeigeführt hat. Sie war vor zehn Jahren auch sinnvoll: Wer damals seine sozialen Beziehungen online organisieren wollte, musste dies in vielen kleinen Mikro-Öffentlichkeiten tun. Das war aufwendig.

Der Grund, weshalb in Deutschland "StudiVZ" scheiterte, war nicht zuletzt, dass sich damit immer nur eine Teilmenge der sozialen Beziehungen abbilden ließ. Nicht der Kumpel, der Realschule gemacht hatte. Nicht die Ferienbekanntschaft aus den Vereinigten Staaten. Facebook ist zu einem sozialen Betriebssystem für das Internetzeitalter geworden. Die Facebook-Identität wird im Netz großflächig als Identitätsausweis akzeptiert. Es ist eine sagenhafte Erfolgsgeschichte, und doch droht Facebook am eigenen Erfolg zu scheitern.

Mit den Jahren ist der soziale Verbund jedes einzelnen Mitglieds zwar gewachsen. Doch Facebook hat nicht gelernt, dieses Beziehungsgeflecht zu strukturieren. Wer dort heute ein Status-Update veröffentlicht, wendet sich gleichzeitig an seine Sandkastenliebe, seine Großmutter, seine Affäre, seinen Chef und im Zweifel auch noch an seinen inhabergeführten Bio-Supermarkt um die Ecke, für den aus Versehen ein Personenprofil statt einer Firmenseite angelegt wurde.

Der Newsfeed ist ein schwarzes Loch

Der Facebook-Newsfeed also, der Mittelpunkt des wichtigsten sozialen Netzwerks der Welt, ist ein schwarzes Loch. Kein Mensch versteht, was dort vor sich geht: Wer was gelesen oder überhaupt zu Gesicht bekommen hat. Facebook ist so gewaltig angewachsen, dass nicht einmal seine Schöpfer die Kontrolle darüber haben. Vor einem Jahr hat Facebook eine soziale Suchmaschine namens Graph Search vorgestellt. Eigentlich sollte sie das Informations- und Beziehungsgeflecht transparenter und besser zugänglich machen. Bis jetzt ist sie aber nur für einen Bruchteil der Nutzer zugänglich, zu dicht ist der Dschungel. Facebook selbst spricht inzwischen von einer "mehrjährigen Reise", die man hier noch vor sich habe.

Wer " Whisper" oder das jüngst von Googles Risikokapitalfirma mit Millionen Dollar unterstütze "Secret" nutzt, muss sich damit nicht rumzuärgern. Dort gibt es kein Beziehungsgeflecht. Es gibt dort nur anonym vorgetragene Statements oder Statements unter Pseudonym . Alles, was sich innerhalb des rechtlichen Rahmens bewegt, ist erlaubt. Angeboten wird so etwas wie ein neuzeitlicher Speakers Corner: Soziale Anonymität und Pseudonymität kehren zurück in den digitalen Mainstream. Das hat übrigens wenig bis gar nichts mit den Enthüllungen über die Tätigkeiten der allgegenwärtigen Geheimdienste zu tun. Denn technische Anonymität bieten die neuen Services nicht.

Die App 'Snapchat': Einer der Nachfolger von Facebook.

(Foto: AFP)

Evan Spiegel ist 23 Jahre alt, Sohn einer wohlhabenden amerikanischen Anwaltsfamilie. Gemeinsam mit einem Freund hat Spiegel eine Software entwickelt, die eine der grundlegendsten Ideen zerschmettert, an die im Internet bisher geglaubt wurde: an das unbegrenzte Speichern von Informationen. "Snapchat" heißt sein Programm, das nicht nur Fotos und Videos zwischen Smartphone verschickt, sondern sie auch mit einem Verfallsdatum versieht.

Öffnet der Empfänger die Datei, bleibt ihm eine vom Sender bestimmte Zeitspanne, danach wird das Objekt für immer gelöscht. Es ist wie ein digitaler Radiergummi, der Beginn einer digitalen Vanitas. Netz-Kommunikation erinnert hier wieder mehr an ein Kneipengespräch als an einen Briefwechsel. Schau mal! Gesehen? Okay, anderes Thema.

Leben im Hier und Jetzt

"Die Art, wie traditionelle soziale Medien Identität verstanden haben, ist radikal: Du bist die Summe deiner veröffentlichten Erlebnisse", referierte Spiegel kürzlich bei einem Wirtschaftstreffen in den USA. Dieses ewige Schaulaufen, dieses Rumgeprotze, diesen fortwährenden Blick auf die Vergangenheit wären die Leute aber nun leid, weshalb Snapchat das Prinzip umkehre. "Wir sind, wer und wie wir heute sind, genau jetzt", sagt Spiegel. Wenn jedes Bild, jede Videosequenz nach einigen Sekunden wieder verschwindet, muss man sie eben im Gedächtnis behalten, sie lässt sich nicht dauerhaft in einer digitalen Timeline darstellen.

Zehn Jahre Facebook

Die vielen Gesichter des Gesichtsbuchs

Leben im Hier und Jetzt, das ist der Julia-Engelmann-Blues, der junge Softwareentwickler gerade umtreibt. Und die Menschen mögen dieses Snapchat-Prinzip. Was die Anzahl der täglich verschickten Fotos angeht, hat Snapchat Facebook bereits überholt. Mark Zuckerberg hat das erkannt. Er wollte Snapchat aufkaufen. Doch Spiegel schlug nicht nur ein Milliardenangebot aus. Er machte sich in einem unwürdigen Spektakel auch noch über den Facebook-Chef lustig und veröffentlichte dessen E-Mails auf Twitter.

"Wenn du immer unter dem Druck deiner realen Identität stehst, dann denke ich, dass dies schon irgendwie eine Bürde ist", sagte Zuckerberg kürzlich in einem Interview. Ein bemerkenswerter Satz für einen Mann, der die Identität im Internet schließlich eingeführt hat. Ein bisschen so, als hätte Henry Ford nach Erfindung der Fließbandproduktion ein liebevolles Lob auf die Handarbeit angestimmt. Oder Steve Jobs nach der Erfindung des iPhones die Wählscheibe und den Bakelit-Hörer gepredigt.

Facebook Sexy oder seriös
Zehn Jahre Facebook

Sexy oder seriös

Nackter Oberkörper, angesagtes Tattoo, gestylte Haare: So präsentiert sich Turner Marcel Nguyen auf Facebook. Horst Seehofer gibt sich wesentlich seriöser - hat aber auch schon zu einer Facebook-Party eingeladen. So waren für München die ersten zehn Jahre in dem sozialen Netzwerk.   Von Melanie Staudinger und Beate Wild