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TIMSS-Studie:Lauwarmer Coolness-Faktor

Ein Schulkind schiebt an einem Rechenschieber die Kugeln zur Seite, aufgenommen am 19.01.2015 in Dresden.

Die Aufgaben müssten "das Lernen der Kinder herausfordern", sagt der Mathematikdidaktiker Christoph Selter.

(Foto: imago)

Viertklässler begeistern sich zu wenig für Naturwissenschaften und Mathematik. An den Schülern liegt das nicht.

Von Susanne Klein

"Mathematik zu können, muss cool sein", sagte Stefanie Hubig (SPD), als sie in der vergangenen Woche die für Deutschland enttäuschende, internationale Vergleichsstudie TIMSS 2019 vorstellte. Was die Präsidentin der Kultusministerkonferenz meinte: Könnten sich Viertklässler für Mathe begeistern, wären auch ihre Leistungen besser. Da ist vermutlich was dran.

Abgesackt waren die Viertklässler schon in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts, wie die Vorgängerstudie 2015 offenbarte. Danach hielten sie das Niveau - das deutlich unter dem OECD-Schnitt liegt. Das ließe sich als Erfolg verbuchen, weil die Schülerschaft immer heterogener wurde, während der Lehrerschaft immer mehr Kräfte fehlten. Das erkennt auch Christoph Selter an, der in Deutschland den Mathematik-Teil bei TIMSS verantwortet. Der Mathematikdidaktiker an der TU Dortmund sagt aber auch: Der Unterricht muss besser werden.

Individuelle Förderung und Lernangebote auf diversen Levels seien wichtig, "aber nur, wenn die Aufgaben auch das Lernen der Kinder herausfordern." Schüler einzeln zu beschäftigen, reiche nicht aus, sagt Selter. Nicht nur der hohe Anteil schwacher, auch der kleine Anteil starker Rechner beschäftigt ihn: Nur sechs Prozent erreichen die höchste Kompetenzstufe, OECD-weit sind es doppelt so viele. "Wir brauchen wieder mehr gemeinsame Arbeit an substanziellen Themen", fordert der Professor.

Die einen zählen mit den Fingern, die anderen sind gelangweilt

Sein Beispiel: Wenn Erstklässler 5 + 6, 6 + 7, 7 + 8 oder 8 + 9 addieren, nehmen einige die Finger zu Hilfe - andere wissen die Lösung sofort und sind gelangweilt. Erstere vom Zählen zum Rechnen zu bringen und Letztere dazu, das Aufgabenmuster so abzuwandeln, dass beispielsweise 25 oder 99 am Ende steht - so ein Unterricht biete ständig Lernanregungen. Dabei müsse man aber die Lehrkräfte viel stärker unterstützen, vor allem durch stetige, praxisnahe Fortbildungen mit Fachkollegen der eigenen Schule oder innerhalb kleiner Schulnetzwerke.

Auch Mirjam Steffensky sieht diesen Bedarf. Die Chemie-Didaktikerin verantwortet bei TIMSS 2019 den Bereich Naturwissenschaften. Dort sackten die Viertklässler leicht ab - ähnlich wie 2015 bei Mathematik. Die schwächsten unter ihnen schnitten bei Themen aus der Natur sogar schlechter ab denn je. "Man muss die Kinder anregen, über Dinge nachzudenken", sagt die Professorin der Universität Hamburg.

Zum Beispiel mit der Frage: Was brauchen Pflanzen zum Wachsen? Alle Schüler experimentieren dazu, wobei die leistungsstarken zusätzlich planen, wie sich das herausfinden lässt: indem man etwa Keimlinge mit und ohne Licht zieht. "Solche didaktischen Optionen sind im naturwissenschaftlichen Unterricht zu wenig verankert", sagt Steffensky. Auch deshalb, weil Grundschullehrer das Gebiet oft nicht studiert hätten.

"Dabei können Naturwissenschaften Kinder faszinieren", sagt Steffensky und wünscht sich Fortbildungen, die erprobte und unterrichtsnahe didaktische Materialien nutzen. Aber auch bei der Sprache als Basis allen Lernens müsse mehr geschehen. Laut TIMSS 2019 stieg die Rate der Viertklässler, deren Eltern beide Ausländer waren, seit 2011 von 16 auf 22 Prozent. "Diese Kinder müssen wir beim Spracherwerb schon in der Kita stärker unterstützen", fordert Steffensky.

© SZ vom 14.12.2020
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