Studium "Das Gehirn braucht Abwechslung"

Eine Psychologin von der TU München erklärt, wie Studierende Prüfungsstress abbauen können.

Interview von Matthias Kohlmaier

In deutschen Hörsälen herrscht mehr Stress als am Arbeitsplatz. Das hat eine Umfrage der AOK ergeben. Bettina Hafner ist Romanistin, Organisationspsychologin und Systemischer Coach. Sie betreut Studenten in schwierigen Studien- und Lebenssituationen. Über Wege aus dem Hamsterrad und den Mut, sich auch mal einen Tag frei zu nehmen.

SZ: Warum fühlen sich viele Studierende so gestresst?

Bettina Hafner: Im Bachelor müssen jedes Semester sechs bis sieben Klausuren bestanden werden, sonst fällt man zurück. Diese hohe Frequenz setzt vielen zu. Wer nicht von Beginn an optimal funktioniert, häuft schnell Probleme an. Nicht jeder hat so ein dickes Fell, dass er sagen kann: "Hänge ich eben ein Semester dran." Viele geraten in einen Stresskreislauf, wenn sie zwei, drei Prüfungen nicht auf Anhieb bestehen.

Das Bachelor-System ist verantwortlich.

Es sieht vor, dass man in jedem Semester konstant gute Leistungen abliefert. Das geben die Lebensumstände aber manchmal nicht her. Auch im Job ist niemand immer gleich gut. Manche Studierende haben erst große Schwierigkeiten und liefern später hervorragende Bachelorarbeiten ab. Weil hier Unterstützung notwendig ist, haben wir an der TU München ein Beratungs- und Betreuungsangebot eingerichtet.

Wem konnten Sie helfen?

Zum Beispiel einer Studentin im dritten Semester, die kurz davor war hinzuschmeißen. Sie war eine super Schülerin, aber die Uni hat sie sehr verunsichert. Sie hat nicht mehr an sich geglaubt und immer mehr schlechte Noten kassiert. Wir haben ein Semester lang an ihrem Selbstwertgefühl gearbeitet und daran, dass sie sich Auszeiten gönnt. Kürzlich hat sie sich wieder bei mir gemeldet: Sie hat ihre Bachelorarbeit mit 1,0 bestanden, einen Master drangehängt und nun eine Promotionsstelle in Aussicht.

Wer kommt noch zu Ihnen?

Selten Erstsemester, da ist meistens noch nicht so viel schiefgelaufen. Danach aber Studierende aus allen Semestern. Wer den Bachelor gepackt hat, ist offenbar aus dem Gröbsten raus. Master-Studierende kommen selten in unsere Veranstaltungen.

Was besprechen Sie in Ihren Seminaren?

Struktur und Lernplanung, Prüfungsnervosität, was zieht mich runter, wo stehe ich mir im Weg. Zusätzlich zu den Seminaren arbeiten wir viel in Kleingruppen. Wir haben mehr Anfragen als Plätze, gerade für Seminare sind die Wartelisten lang.

Welchen Rat geben Sie einem Studienanfänger, der den Stresskreislauf von vornherein vermeiden will?

Sich möglichst früh mit anderen zusammenzutun. Gemeinsam lernt es sich angenehmer und man kann sich Dinge gegenseitig erklären. Zu uns kommen Leute und sagen: "Ich verstehe das nicht! Ich war in der Schule so gut in Physik und jetzt sitze ich in der Vorlesung und checke gar nichts." Die meisten müssen sich erst auf die höhere Geschwindigkeit einstellen. Wer sich in dieser Phase keine Hilfe holt, beim Lernen mit Kommilitonen, in Tutorien oder Sprechstunden von Assistenten oder Doktoranden, kriegt oft ein Problem.

Wie sieht für Sie eine möglichst stressfreie Prüfungsvorbereitung aus?

Man sollte früh auf den Terminplan schauen, gerade wenn man Klausuren nachholen muss. Viele probieren, zwei an einem Tag zu schreiben - die allermeisten scheitern. Sie wollen aufholen, klar, aber eine Klausur genügt. Bei arbeitsintensiven Fächern sollte man regelmäßig lernen und früh mit der Prüfungsvorbereitung starten, im Wintersemester schon vor Weihnachten. Und niemals den ganzen Tag lang nur ein Fach lernen, das Gehirn braucht Abwechslung! Wer variiert, kann problemlos drei oder vier Fächer parallel lernen.

Plädieren Sie für einen zeitigen Abbruch oder Fachwechsel, wenn es früh im Studium schon hakt?

Nein, man braucht auch die Souveränität, nicht gleich in Panik zu verfallen. Es ist ja völlig in Ordnung, den Bachelor erst nach acht Semestern zu packen. Wenn ich eine Grenze definieren müsste, würde ich sie nach dem zweiten Semester ansetzen. Wer dann mit seinem Fach noch nicht warm geworden ist, sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob er am richtigen Platz ist.

Was kann jemand tun, der diesen Punkt verpasst hat oder trotz Probleme zu Ende studieren will?

Wenn es so weit ist, dass Prüfungsängste, depressive Verstimmungen oder Schlaflosigkeit auftreten, ist der Gang zum Arzt oft wichtig und richtig. Dort kann man sich das attestieren lassen und anschließend ein Urlaubssemester beantragen, um dem Hamsterrad zu entkommen. Eine Auszeit ist kein Eingeständnis von Schwäche. Man kann in der Zeit ein Praktikum machen oder einige wenige Prüfungen schreiben, wenn man sich gut genug fühlt.

Was empfehlen Sie, wenn jemand noch halbwegs im Plan ist, aber merkt, dass er trotz großen Aufwands gegenüber Kommilitonen zurückfällt?

Ich gucke, was in seinem Leben sonst noch los ist. Muss der Nebenjob oder das Ehrenamt wirklich sein? Bei einem Vollzeitstudium sind zehn Stunden Nebenjob pro Woche das absolute Maximum, das noch leistbar ist. Wenn wir Lernpläne mit Studierenden machen, sagen wir immer, ein Tag pro Woche sollte komplett frei sein. Dann hören wir nicht selten: "Das geht nicht! Von Montag bis Freitag muss ich studieren, samstags arbeiten und sonntags lernen." Ich habe eine Studentin kennengelernt, die als Babysitterin rund um die Uhr abrufbar sein musste, sie konnte von ihren Auftraggebern aus der Vorlesung geholt werden. Das war ein unmöglicher Zustand.

Und wenn jemand völlig gestresst ist, obwohl er nicht jobben geht?

Wir haben oft mit Menschen zu tun, die sich sehr intensiv auf ihr Studium konzentrieren, den ganzen Tag lernen und sich dann wundern, warum sie häufig durch Klausuren fallen. Sie sind völlig überarbeitet, aber denken trotzdem, sie müssten jeden Tag von acht bis 22 Uhr am Schreibtisch sitzen. Diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen, ist sehr schwierig. Wenn ich Lernpläne für sie erstellen, muss ich mit ihnen teilweise um halbe freie Tage verhandeln, die sie sich nicht zugestehen wollen.

Diesen Montag beginnt an vielen Hochschulen das Wintersemester. Wie geht der ideale Student es an?

Strukturiert und mit Zeit für Freunde und Hobbys neben dem Lernen. Erfolgreiche Studierende haben ein ausgeglichenes Leben. Wenn das nicht möglich ist, muss man genau gucken, was es verhindert.