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Schulen:Inklusion mal andersrum

Die Werner-Vogel-Schule in Leipzig geht einen neuen Weg: Gegründet als Fördereinrichtung für Kinder mit geistiger Behinderung, hat sie sich vor drei Jahren für Regelschüler geöffnet - mit großem Erfolg.

Von Edeltraud Rattenhuber

Werner Vogel Schule Leipzig

"Akzeptieren, dass wir nicht alle alles können": In der "Tukan"-Klasse lernen Regelschulkinder und Kinder mit Förderbedarf gemeinsam nach Wochenplan - jeder so schnell, wie er kann.

(Foto: Edeltraud Rattenhuber)

Die "Tukane" sitzen im Kreis, ein Glöckchen macht die Runde. Es muss einmal herumgegeben werden, ohne dass es bimmelt, das ist die Regel. Die Erstklässler der Werner-Vogel-Schule in Leipzig starten das Experiment nach dem Mittagessen, die Kinder sind satt, noch nicht ganz bei der Sache - und schon klingelt's. Also noch einmal von vorn. Im Klassenzimmer wird es still, alle flüstern, als wollten sie das Glöckchen beschwören. Doch nach kurzer Zeit klingelt es wieder. "Ach Mensch", schreit ein Junge, "Das war Absicht", ein anderer.

Der Junge, bei dem es gebimmelt hat, hat das Down-Syndrom, er ist eines von fünf Kindern mit der Diagnose "Förderbedarf geistige Entwicklung" in der Klasse. Klingelt es bei einer oder einem von ihnen, wird eine Ausnahme gemacht. Das passt nicht allen Kindern, aber Damaris Klein, die Lehrerin, lässt sich auf keine Diskussionen ein. "Ich möchte, dass wir alle akzeptieren, dass wir nicht alle alles können", sagt Klein später.

Mitmenschen akzeptieren, Unterschiede respektieren: In der Werner-Vogel-Schule geht es bei den ganz Kleinen schon um ganz große Themen. Sie liegt im Süden der sächsischen Großstadt, im Stadtteil Lößnig, und ist seit 27 Jahren eine Förderschule für Kinder mit geistiger Behinderung. Vor drei Jahren erweiterte der Schulträger, die Diakonie Leipzig, das Konzept. Jetzt gibt es dort auch eine Grundschule mit Hort, die Kindern mit und ohne Förderbedarf die Möglichkeit des gemeinsamen Lernens gibt. Jede Klasse hat zwei Klassenlehrer und einen pädagogischen Mitarbeiter plus einen Hortbetreuer.

Eine Förderschule, die sich für Regelschüler öffnet - also Inklusion andersherum praktiziert? Im inklusionsängstlichen Deutschland, wo viele Lehrer und Eltern der Idee des gemeinsamen Lernens aller Schüler noch immer skeptisch gegenüberstehen, ist das eine absolute Ausnahme.

Tobias Audersch lacht, wenn man ihn darauf anspricht. Der Direktor der Werner-Vogel-Schule sagt, er äußere sich nicht gerne generell zum Thema Inklusion, aber: "Ich finde das Modell gewissermaßen schlüssig, die inklusive Grundschule von der Förderschule herzuleiten statt umgekehrt." Eben so, wie es im Moment an seiner Schule funktioniere. "Uns kam der Schritt gar nicht so groß vor, wie es Außenstehenden scheint", sagt Audersch. Die Lehrer an seiner Schule arbeiteten ohnehin stark im Team und mit differenzierten Lehrplänen, und das würde ja auch der Regelschule nicht schaden.

Hindernisse für die Schwächsten

"Fortschritt Fehlanzeige", schimpfte die Bildungsgewerkschaft VBE, als sie im November ihre jüngste Umfrage zum Thema Inklusion vorstellte: Von 1190 Lehrkräften, die grundsätzlich die Inklusion befürworten, findet nur ein Viertel, dass sie zurzeit "praktisch sinnvoll" umgesetzt werden kann. Genau das ist aber der Auftrag, seit Deutschland 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat: es zur selbstverständlichen Regel zu machen, dass Kinder mit und ohne Behinderung in der Schule gemeinsam lernen.

Wie schleppend die Realität sich darauf zubewegt, zeigt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung auf Basis offizieller Bundesländerdaten: 4,8 Prozent aller Erst- bis Zehntklässler in Deutschland wurden im Schuljahr 2008/09 gesondert an Förderschulen unterrichtet - zehn Jahre später waren es immer noch 4,2 Prozent. In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern verschlechterte sich die Quote sogar. Hoffnung auf eine baldige Trendwende macht die Studie nicht.

Dazu besteht auch kein Anlass, denn das Haupthindernis des inklusiven Lernens an Regelschulen ist der Fachkräftemangel. An dem sich vorerst wenig ändern wird, wie eine am 10. Dezember veröffentlichte Prognose der Kultusministerkonferenz zeigt. "Unverändert angespannt" bleibe die Situation bei den sonderpädagogischen Lehrkräften in nahezu allen Förderschwerpunkten. Erst gegen Ende des kommenden Jahrzehnts wird sich der Modellrechnung zufolge die Lage entspannen.

Sechs von zehn jungen Menschen ohne jeden Schulabschluss haben eine Förderschule besucht - in normalen Zeiten. Die Corona-Maßnahmen könnten diese Bilanz noch verschlechtern. Von Pandemiebeginn an bis heute kritisieren Eltern die Benachteiligung behinderter Kinder: bei der Notbetreuung, bei der Rückkehr in die Schulen, beim Bustransport, beim Unterrichtsausfall. Auch Schulen mit inklusivem Unterricht versagen: Laut VBE-Umfrage haben nur 22 Prozent der dort arbeitenden Lehrer erlebt, dass Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Pandemie auch wirklich gefördert wurden. skle

"Wen heißen wir willkommen?"

Für Saskia Schuppener ist die Werner-Vogel-Schule ein Leuchtturmprojekt. "Eigentlich sollte sich jede Schule als selbstreflexive Einrichtung verstehen und sich fragen: Wen heißen wir willkommen?", sagt die Professorin für Pädagogik im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung der Universität Leipzig. Die Werner-Vogel-Schule habe dies großartig umgesetzt und sich aus eigener Initiative auf den Weg gemacht, "das hat eine Vorbildfunktion". Natürlich habe die Schule als Privatschule andere Möglichkeiten als staatliche Lernorte, aber Schulentwicklung sieht Schuppener als Aufgabe für alle Einrichtungen.

Der Erfolg des Projekts steht und fällt dabei mit einem Unterricht, der für jedes Kind ein eigenes Lerntempo vorsieht - je nach seinen Möglichkeiten. Es gibt individuelle Wochenpläne mit Zielen, die die Kinder weitgehend selbständig erarbeiten sollen. Für die 17 Regelschulkinder in der "Tukan"-Klasse sieht der Plan in dieser Novemberwoche - noch vor dem Lockdown - unter anderem vor: Schreibe fünf Wörter, falte ein "Himmel und Hölle" nach Anleitung und suche dir ein Würfelspiel. Das "Himmel und Hölle" alleine zu basteln, fällt auch den Regelschülern schwer.

Die Kinder mit Förderbedarf haben andere, jeweils noch weiter differenzierte Pläne bekommen. Diese zu erstellen, ist viel Arbeit für die Pädagogen. Doch es geht nicht anders, zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen. So schreiben die einen bereits Buchstaben, die anderen sind schon ausgelastet, wenn sie ein vorgemaltes großes "S" mit blauen Glassteinen auslegen sollen, um sich die Form einzuprägen. Ein Junge hat dazu heute gar keine Lust. Er spielt lieber in der Spielecke, aber er wird immer wieder sanft zurückgeholt.

"Wir versuchen, alle Kinder mitzunehmen", sagt Lehrerin Damaris Klein. Dass sich der Aufwand lohnt, hat ihr Kollege Vinzenz Müller bereits festgestellt. Er sieht schon nach den ersten Monaten "ganz große Fortschritte" bei den Förderschülern. In einer isolierten Förderklasse hätten sie das nicht geschafft, glaubt er. Und Müller hat den Vergleich, seit Jahren arbeitet er als Förderlehrer. Auch die Regelschüler profitieren davon, dass mindestens vier Pädagogen sich um eine Klasse kümmern. Vor allem aber bauen sie soziale Kompetenz auf.

Viele Eltern, die ihre Kinder ohne Förderbedarf an die Schule schicken wollen, sehen es als großen Gewinn, dass es dort nicht nur um den Leistungsgedanken geht. Die Anmeldungszahlen sind hoch, trotz des Schulgelds und der strikten evangelischen Ausrichtung der Schule. Die Eltern überzeugt auch die Freiheit, die das Freilernen den Kindern lässt.

"Abgucken ist total wichtig"

"Ich würde mich freuen, wenn dieses Konzept Schule machen würde", sagt beispielsweise Johannes Klemm. Er und seine Frau haben zwei Töchter an der Werner-Vogel-Schule, beide Regelschülerinnen. Die staatliche Schule, in die sie eigentlich gehen hätten sollten, habe ein ganz klassisches Lernkonzept, da wählten sie lieber die Reformpädagogik. "Beide haben jeden Tag Lust auf die Schule", erzählt Klemm, obwohl sie wegen der langen Anfahrt früh aufstehen müssten.

Kristina Brusa hat auch eine Tochter bei den "Tukanen", sie hat das Down-Syndrom. Man sei mit der Schule schon seit einigen Jahren in Kontakt gewesen, da sie auch als Förderschule einen sehr guten Ruf habe, erzählt Brusa. "An einer staatlichen Inklusionsschule hätte ich Angst gehabt, dass sie nur mitlaufen kann." Nach einem "sehr aufwendigen" staatlichen Verfahren zur Feststellung des Förderbedarfs ergatterte ihre Tochter einen Platz in der Inklusionsklasse. Ein großes Glück. Denn Inklusion oder "Integration", wie die Werner-Vogel-Schule es nennt, ist nach Meinung der Mutter für die Entwicklung der Kinder das A und O. "Dieses Abgucken ist total wichtig", sagt sie. Ihre Tochter wolle ja auch Buchstaben lernen, wenn sie andere beim Schreiben sehe.

Schade fände Brusa es allerdings, wenn ihre Tochter nach der vierten Klasse in eine Förderschule müsste. "Das wäre ein Rückschritt." Sie hofft auf eine Kooperation mit einer inklusiven Oberschule, in Sachsen ist das eine Mischung aus Real- und Hauptschule. Das "Wie geht es weiter?" treibt auch andere um. Die Diakonie würde das Konzept der integrativen Schule gerne weiterentwickeln, hin zur Oberschule. Doch es fehlt am Geld. Derzeit wird das Gebäude erweitert, für eine neuerliche Vergrößerung sind im Moment keine Mittel da. Also sucht man nach einer Zusammenarbeit mit einer Inklusionsoberschule. Direktor Audersch treibt aber noch eine andere Vision um. Ziel sei es, die Schule immer weiter zu öffnen, auch für Kinder mit anderen Förderbedarfen.

Die Leipziger Pädagogik-Professorin Schuppener hält das für einen guten Ansatz. "Es wäre gut, wenn die Schule sich weiter öffnen würde und sich zu einer Schule für alle entwickeln könnte", sagt sie. Also auch für Kinder mit Migrationshintergrund oder sozial benachteiligte Kinder. Als Risiko sieht sie, dass es mit der Integration von fünf Kindern mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung pro Klasse auf lange Sicht auf eine Zwei-Gruppen-Bildung hinauslaufen könnte.

"Da muss man bewusst gegensteuern und das kooperative Lernen im Klassenverband stärken", so Schuppener. Es sei zudem eine große Herausforderung, den Unterricht so zu organisieren, dass beispielsweise nicht nur die Leistungsstarken den Leistungsschwachen helfen, sondern auch umgekehrt. "Es geht auch um die Anerkennung jedes Einzelnen und das Vermeiden einer einseitigen Helferkultur."

© SZ vom 28.12.2020
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