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Zeugnisse:"Noten sind Blitzlichtaufnahmen"

Nicht jedes Zeugnis löst Begeisterung aus. Auch dieses Jahr werden wieder einige Schüler enttäuscht sein.

(Foto: imago stock&people)

In vielen deutschen Schulen gibt es am Freitag Zeugnisse. Wie sollten Eltern auf schlechte Noten ihrer Kinder reagieren? Der Lernberater Detlef Träbert rät davon ab, gleich über Nachhilfe zu sprechen.

Manche Kinder haben ein mulmiges Gefühl, andere können es kaum erwarten: In den meisten Bundesländern werden an diesem Freitag Zwischenzeugnisse verteilt. Immer wieder kommt es vor, dass sich Schülerinnen und Schüler nach der Übergabe nicht nach Hause trauen. Aus Angst. Was können Eltern tun, um ihre Kinder bestmöglich zu unterstützen? Und wie sollten sie auf schlechte Noten reagieren, ohne zu viel Druck auszuüben? Detlef Träbert war Beratungslehrer in Baden-Württemberg, bevor er sich freiberuflich als Lernberater niederließ. Seit 1998 betreibt der Diplom-Pädagoge einen Schulberatungsservice in Köln.

SZ: Herr Träbert, bald gibt es Zeugnisse. Ein Tag, der viele Familien vor Herausforderungen stellt. Wie sollten Eltern sich auf keinen Fall verhalten?

Detlef Träbert: Sie sollten nichts überstürzen. Viele reagieren enttäuscht, gepaart mit Vorwürfen und Konsequenzen wie "Das Fußballspielen ist erstmal gestrichen". Mit solchen Sätzen sollte man vorsichtig sein, denn oft trifft es genau die Bereiche, in denen das Kind außerhalb der Schule noch Erfolgserlebnisse hat. Wenn man ihm die wegnimmt, hat es nichts mehr, worin es gut ist, und das ist alles andere als motivierend.

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Niemand freut sich über Fünfer und Sechser, im Zweifel ist sogar die Versetzung gefährdet. Wie können Eltern mit schlechten Noten umgehen?

Das Wichtigste ist, dass sie gelassen bleiben. Noten sind Blitzlichtaufnahmen, nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen nichts darüber aus, wie ein Kind arbeitet. Deshalb bin ich auch kein Fan von Ziffernoten. Viel wichtiger finde ich inhaltliche Beschreibungen: Wie hat sich das Kind entwickelt? Was hat ihm geholfen? Und wie können wir es weiter unterstützen?

Sie sind der Meinung, dass man Noten abschaffen sollte?

Es gibt in jedem Fall eine Menge Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass Noten so gut wie nichts mit der Intelligenz eines Kindes zu tun haben. Da gibt es nur minimale Überschneidungen.

Jetzt ist es aber so, dass Eltern und Kinder ständig mit Noten konfrontiert sind. Man kann sie ja auch nicht einfach ignorieren, oder?

Nein, aber man muss sich auch nicht verrückt machen. Das kann ich Ihnen gerne an einem Beispiel erklären: Ich kenne Familien, die gehen jedes Jahr mit ihren Kindern Pizza essen, wenn es Zeugnisse gibt. Und dann wird gefeiert. Danach lassen sie das Zeugnis ein paar Tage liegen und sprechen mit etwas Abstand darüber. Das Schöne ist: Sie gehen auch Pizza essen, wenn die Noten nicht so gut waren.

Was gefällt Ihnen daran?

Ich finde gut, dass jedes Zeugnis gefeiert wird. Es gibt ja leider auch Familien, die den Tisch beim Italiener bei schlechten Noten vielleicht sogar wieder stornieren würden, als Strafe, wenn man so will. Und genau das ist kontraproduktiv.

Detlef Träbert

Detlef Träbert ist seit 1987 Mitglied der "Aktion Humane Schule", die unter anderem angstfreies Lernen und mehr Inklusion fordert.

(Foto: privat)

Das klingt fast ein bisschen so, als dürfte man sich als Elternteil gar nicht über das Zeugnis ärgern.

Man sollte sich nicht über das Kind ärgern. Die meisten Schüler machen sich selbst schon genügend Gedanken über ihre Noten. Da bringt es nichts, wenn man als Erwachsener auch noch mal zeigt, dass man wütend ist. Kinder wollen ihre Eltern nicht enttäuschen. Sie wollen von Natur aus geliebt werden und tun sehr viel, um ihren Eltern zu gefallen. Das sollte man auch am Zeugnistag nicht vergessen.

Dürfen Eltern nicht schimpfen?

Doch, sie können natürlich sauer sein, aber das muss im Rahmen bleiben. Das Wichtigste ist doch, gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, wo die Probleme liegen. In Zeugnissen steht nicht, wie gut sich Schüler und Lehrer verstehen. Oder wie sehr Kinder vielleicht gerade mit sich selbst zu kämpfen haben, zum Beispiel in der Pubertät.

Wie wichtig ist es, dass man sich in die Lage seiner Kinder hineinversetzen kann?

Ich finde, das wird unterschätzt. Es gibt Eltern, die schlicht vergessen oder verdrängt haben, wie ihre eigene Schulzeit war. Manche romantisieren diese Phase im Nachhinein. Was immer hilft, ist miteinander zu reden. Das macht es leichter, zu verstehen, warum es in diesem oder jenen Fach hakt.

Nun will man ja als Elternteil aber auch etwas verändern. Wie schafft man es, Kinder zu motivieren, ohne ihnen zu viel Druck zu machen?

Viele Eltern nehmen das Halbjahreszeugnis zum Anlass, Nachhilfe zu organisieren. Davon halte ich nicht besonders viel, weil nicht nach den Ursachen für schlechte Noten gefragt wird.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Bei der Ursachenforschung können zum Beispiel die schulpsychologischen Dienste helfen, die man kostenfrei in Anspruch nehmen kann, genauso wie Schulpsychologen oder Beratungslehrer. Aber oft macht es bereits deutlich mehr Sinn, wenn Kinder gemeinsam lernen. Zum Beispiel in kleinen Hausaufgabengemeinschaften oder Lerngruppen, maximal zu viert. Vereinzelt organisieren das sogar schon Schulen, aber man kann das auch privat machen. Und es ist nicht erforderlich, dass die Kinder aus der gleichen Klasse kommen. Da ist gleich eine ganz andere Stimmung, als wenn Mama oder Papa am Tisch sitzen - oder der Nachhilfelehrer. Lernen muss nichts Bedrückendes haben. Es soll Spaß machen und darf auch mal chaotisch sein.

Wie meinen Sie das?

Viele Eltern bestehen darauf, dass ihre Kinder im Sitzen lernen. Das ist aber alles andere als effizient. Das Sitzen führt schnell zu absinkendem Blutdruck, man kann schon bald nicht mehr klar denken. Warum also nicht auch mal das Bügelbrett als Stehpult nutzen? Viele Kinder lieben es auch, auf dem Boden liegend zu arbeiten. Beim Abfragen kann man einen Ball im Frage-Antwort-Rhythmus hin- und herwerfen oder das Kind auf dem Trampolin hüpfen lassen. Bewegung beim Lernen wird immer noch unterschätzt. Außerdem kommt einem die Arbeitszeit kürzer vor, wenn man nicht die ganze Zeit am Schreibtisch sitzen muss.

© SZ.de/dd/berk
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