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Schule und Scheidung:Doppelt getroffen

Über das Leid von Trennungskindern ist viel geschrieben worden. Doch wie beeinflusst das Zerbrechen von Familien deren schulische Leistungen? Eine neue Studie zeigt: Ob es Probleme gibt oder nicht, hängt stark vom Schulabschluss der Eltern ab.

Zu Hause fliegen die Fetzen, die heile Familienwelt ist perdu, danach folgt oft eine Woche bei Mama und die nächste bei Papa, womöglich drohen finanzielle Engpässe - über das Leiden von Trennungskindern wird viel berichtet, wie sehr das Zerbrechen von Familien tatsächlich die Persönlichkeit beeinflusst, ist allerdings umstritten. Und die Leistung in der Schule? Das hängt stark vom Schulabschluss der Eltern ab. Bei Kindern aus weniger gebildeten Familien verringert die Trennung die Chancen, dass sie den Wechsel auf ein Gymnasium schaffen. In höher gebildeten Familien (hier hat mindestens ein Elternteil Abitur) beeinflusst die familiäre Änderung die Laufbahn der Töchter und Söhne dagegen nicht. Das zeigt der Soziologe Michael Grätz nun in einer Studie auf, erschienen in der Zeitschrift European Sociological Review.

Für seine Untersuchung wertete der Forscher Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus. Für dieses werden seit den Achtzigern jedes Jahr Tausende Bürger befragt. Die Langzeitanalyse gibt Aufschluss über Gehalt, Jobs, Bildung und Lebenszufriedenheit: im Zeitverlauf. Verantwortlich ist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Trennungskinder-Studie sei ein weiterer Beleg für die Annahme, dass Familien aus höheren sozialen Schichten "Folgen von negativen Lebensereignissen besser ausgleichen können als andere", teilte das DIW mit.

Die Chance auf das Gymnasium sinkt, Noten werden schlechter

In Deutschland geht in etwa jede dritte Ehe in die Brüche. Zu den Scheidungskindern hinzu kommen jene, die in amtlichen Statistiken gar nicht auftauchen: Trennungskinder, deren Eltern nie geheiratet haben. Um herauszufinden, wie sich eine Trennung auf die Schullaufbahn auswirkt, hat Grätz die Angaben älterer Teenager in SOEP-Fragebögen aus gut anderthalb Jahrzehnten ausgewertet. Er verglich Schüler, die vor ihrem 15. Geburtstag die Trennung der Eltern erlebten, mit deren älteren Geschwistern, die erst in höherem Alter das Zerwürfnis der Eltern zu verdauen hatten.

Das Ergebnis im Detail: In Familien, in denen weder Vater noch Mutter Abitur haben, verringert eine Trennung der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs aufs Gymnasium geht, um 15 Prozentpunkte. Die Trennung führt zudem zu schlechteren Noten in Deutsch und Mathe. Für Kinder mit formal gebildeteren Eltern wurde die Chance auf den Besuch einer höheren Schule dagegen überhaupt nicht beeinflusst - ebenso wenig litten die Zensuren in den Fächern.

Vor allem die Väter seien maßgeblich dafür, wie Eltern die Folgen einer Trennung abfedern können. Oft lebten die Kinder im Haushalt der Mutter. "Väter mit Abitur verfügen aber über mehr finanzielle Mittel und Kontakte als Väter ohne dieses Zeugnis und können ihren Nachwuchs auch nach einer Trennung gut fördern", schreibt Forscher Grätz. Jedoch räumt er ein, dass er keine Daten über den Einfluss der Elternteile auf die Erziehung nach der Trennung berücksichtigen konnte.

© SZ vom 19.10.2015

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