Schule Süßes Nichtstun oder Lernmodell?

Mit ihrem Film "Freistunde - Doing Nothing All Day" leistet Margarete Hentze einen spannenden Beitrag zur Bildungsdiskussion

Von Barbara Hordych

Wenn Kinder spielen, wissen sie, wie hoch sie die Latte für sich zu legen haben. "So hoch, dass es noch Spaß macht, drüber zu springen", sagt Gerald Hüther, Professor für Neurobiologische Forschung an der Universität Göttingen. Doch in der Schule beim Lernen passiere das Gegenteil. "Da wird die Latte irgendwie hingehängt, für alle. Für ein Drittel ist sie zu niedrig, die machen Krach; für ein Drittel ist sie zu hoch, die kommen nicht drüber, die machen auch Krach. Und das Drittel, für das sie richtig läge, kann nichts lernen, weil die anderen zu viel Krach machen. So geht das nicht", erklärt er in dem Dokumentarfilm "Freistunde" von Margarete Hentze.

Über fünf Jahre hinweg beschäftigte sich die Münchner Filmemacherin mit staatlichen und privaten Schulen, die selbstbestimmtes Lernen auf der Basis demokratischer Schulstrukturen fördern. Das Vorurteil, dass Kinder an solchen Schulen nichts lernen, ist weit verbreitet: "Doing Nothing All Day" lautet denn auch der provokative Untertitel des Films. Das Stichwort dafür liefert Elli, eine Absolventin der demokratischen Schule in Hadera in Israel. "Ihr tut den ganzen Tag nichts", bekam sie oft zu hören, wenn sie als Kind sagte, dass sie die dortige demokratische Schule besuche. "Nein, es ist ganz anders: Wir tun den ganzen Tag alles", habe sie dann entgegnet. In Israel sind "democratic schools" ein fester Bestandteil des Bildungssystems. In Deutschland hingegen ist das Schulmodell, in dem die Schüler ihre Lernbegleiter, ihre Kurse und ihren Stundenplan selbst wählen und in vielen schulischen Belangen selbst die Initiative übernehmen, weitgehend unbekannt.

München, Juni 2010: Schüler und Studenten demonstrieren auf der Leopoldstraße gegen "Bulimie-Lernen" und "Wissensmast".

(Foto: Margarete Hentze)

In "Freistunde" führt die fiktive Recherchereise einer jungen Mutter auf der Suche nach der idealen Schule für ihren Sohn bis zu den Ursprüngen demokratischer Schulen im 19. Jahrhundert zurück, um dann heutige Schulen mit demokratischem Ansatz in Israel, England und Deutschland vorzustellen. Dort gewähren Schüler und Lehrer wie Niklas Gidion und Eva Haas von der Freien Demokratischen Schule Kapriole in Freiburg und Andrea Oestreicher, Lehrerin einer staatlichen Mittelschule in München und Dozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität, Einblicke in ihr Schulleben. "Kreatives Schreiben für Jungs" stand beispielsweise ganz oben auf der Wunschliste in der "Kapriole", erzählt Lehrerin Eva Haas.

"Sicher gehört es für Eltern zum Schwierigsten, darauf zu vertrauen, dass ihre Kinder sich tatsächlich die Wissensinhalte suchen, die sie brauchen", sagt die Produzentin und Regisseurin Margarete Hentze. Als eine "von oben herab professionell gesteuerte Gruppe" würden Schüler im gegliederten Schulsystem wahrgenommen, bemängelt Wolfgang Edelstein, Mitgründer des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Eine Erfahrung, die Filmemacherin Hentze nur bestätigen kann. Sie studierte Bildhauerei und Pädagogik an der Münchner Kunstakademie. "Doch nach dem ersten Staatsexamen, als ich die ersten Praktika in Schulklassen machte, war ich entsetzt: es war genau so wie zu meiner Schulzeit, zu 90 Prozent Frontalunterricht", erinnert sich die dunkelhaarige, zierliche Künstlerin. Deshalb habe sie nie das zweite Staatsexamen abgelegt, wollte nicht mehr Lehrerin werden. Vor fünf Jahren begann sie mit der Arbeit an dem Projekt "Freistunde", gemeinsam mit ihrer Kamerafrau Sanne Kurz, Dozentin an der Münchner HFF. "Die Rahmenhandlung einer Suche nach der idealen Schule ist zwar fiktiv, hat aber viel mit meiner eigenen Biografie zu tun", sagt Hentze, Mutter zweier Söhne. Als ihr jüngerer Sohn vor neun Jahren vor der Einschulung stand, gab es in ganz Bayern keine demokratische Schule. Inspiriert von "der Idee der Freiwilligkeit", engagierte sie sich für die Gründung der Sudbury Schule am Ammersee. Die wurde 2014 eröffnet - zu spät für ihren Sohn, der seine Schule dann nicht mehr habe wechseln wollen.

Ihren Film, mit dem sie am 25. Februar zum International Filmmaker Festival of World Cinema London eingeladen ist, sieht sie als Beitrag zur Bildungsdiskussion. Der Fachbereich Evangelische Theologie und der Lehrstuhl für Schulpädagogik an der LMU wollen die Dokumentation auch zur Lehrerfortbildung einsetzen. Schließlich verlangen die neuen Lernkonzepte auch nach anderen Kompetenzen der Lehrenden. Genau hier sieht Christoph Türcke, emeritierter Professor für Philosophie in Leipzig, die Gefahr einer "Lehrerdämmerung" (so auch der Titel seines Buchs) heraufziehen: Am 1. März spricht er in der Bayerischen Staatsbibliothek um 19 Uhr darüber, "was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet".

Freistunde, Premiere, Samstag, 20. Februar, 14 Uhr, Neues Rottmann, Rottmannstr. 15