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Schule:Sollten Eltern bei den Hausaufgaben helfen?

Eltern sollten sich mit Hilfe bei den Hausaufgaben zurückhalten, raten Experten.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Ein Vater kritisiert, dass seine Grundschulkinder mehr und mehr Themen daheim erarbeiten müssen. Experten geben ihm recht.

Die Leserfrage

Meine Kinder besuchen eine Grundschule in Bayern. Schon seit einiger Zeit müssen meine Frau und ich ihnen beinahe täglich bei den Hausaufgaben helfen, weil sie entweder Dinge nicht verstanden haben oder Themen in der Schule kaum bis gar nicht behandelt wurden.

Bei Lehrkräften habe ich nachgefragt und zur Antwort bekommen, dass der Stundenplan eben sehr vollgestopft sei und deshalb manche Themen von den Kindern in Heimarbeit gelernt werden müssten. Ich finde das bedenklich - es kann doch nicht sein, dass wir als Eltern die Aufgaben der Schule übernehmen sollen. Macht eine Beschwerde bei der Schulleitung Sinn?

Die Antwort

Neben Ihrem nachvollziehbaren Zweifel am Sinn des Unterrichts, wenn Stoff einfach aus dem Klassen- ins Kinderzimmer verlagert wird, sehe ich in Ihrer Frage noch eine zweite Dimension: Inwiefern und in welchem Umfang sollten Eltern ihren Grundschulkindern überhaupt bei den Hausaufgaben helfen?

Bevor es darum geht, aber eine eindeutige Antwort zur eigentlichen Frage: Ja, Sie sollten bei der Schulleitung unbedingt anfragen, ob es denn in ihrem Sinne ist, dass Lehrstoff von den Kindern daheim und mithilfe der Eltern gepaukt werden muss - während sich Lehrkräfte auf den zu vollen Stundenplan herausreden.

Wie eine Grundschulrektorin den Fall beurteilt

Natürlich haben auch schon Grundschüler - besonders, wenn es Richtung Übertritt an eine weiterführende Schule geht - sehr viel zu lernen. Eine langjährige Rektorin einer bayerischen Grundschule sagt dennoch: "Wenn Lehrer behaupten, sie könnten dieses oder jenes aus Zeitmangel nicht im Unterricht behandeln und die Kinder sollten sich das doch bitte daheim aneignen, würde ich sagen: An dieser Schule läuft etwas schief!" Hausaufgaben müssten laut der Lehrerin zwingend in der Schule vorbereitet und besprochen werden. Zu Hause solle nur noch geübt und nicht komplett Unbekanntes erarbeitet werden.

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Ähliches steht über die Hausaufgaben auch in der Schulordnung für die Grundschulen Bayerns (GrSO, § 36): "Um den Lehrstoff einzuüben und die Schülerinnen und Schüler zu eigener Tätigkeit anzuregen, werden Hausaufgaben gestellt, die von Schülerinnen und Schülern mit durchschnittlichem Leistungsvermögen in einer Stunde bearbeitet werden können." Laut GrSO sind Sonntage, Feiertage und Ferien übrigens "von Hausaufgaben freizuhalten".

Was der Elternverband sagt

Henrike Paede, stellvertretende Landesvorsitzende im Bayerischen Elternverband, treibt noch eine andere Sorge um: "Wenn eine Schule das verlangt, dann werden Kinder aus bildungsfernen oder finanziell schwächeren Elternhäusern benachteiligt." Der Gedanke ist schlüssig. Können Eltern nicht bei den Hausaufgaben helfen oder Nachhilfeunterricht finanzieren, fallen manche Kinder schon in der Grundschule zurück - und können den Rückstand mit großer Wahrscheinlichkeit später nicht mehr aufholen.

Grundschüler sollen Fehler machen dürfen

Paede empfiehlt daher ebenfalls, in Ihrer Situation unbedingt bei der Schulleitung Rückmeldung zu geben, dass Stoff in der Schule nicht verstanden oder nicht einmal behandelt wird. Sollten Sie von der Schulleitung dasselbe Feedback bekommen wie zuvor von der Lehrkraft (keine Zeit, übervoller Stundenplan), müssten Sie sich an das zuständige Schulamt als nächsthöhere Instanz wenden.

Halten Sie sich bei der Hausaufgabenhilfe zurück

Von Ihrem recht extremen Fall abgesehen, ist es natürlich ganz normal, dass Eltern in der Grundschulzeit ihren Kindern bei den Hausaufgaben ab und an helfen. Sowohl die Grundschulrektorin als auch die Vertreterin des Elternverbands haben dafür unisono einen Tipp: Nehmen Sie sich zurück!

Natürlich gebe es Kinder, die eine enge Führung brauchten und schnell ablenkbar seien, sagt die Rektorin, aber: "Wenn sich Eltern wünschen, dass es ihr Kind ans Gymnasium schafft und dort gut mitkommt, sollten sie sich bei der Hausaufgabenbetreuung während der Grundschulzeit zurückhalten. Nur so kann das Kind lernen, sich selbst zu organisieren." Die Grundschüler sollten so weit wie möglich zur Selbständigkeit erzogen werden.

Zeugnisse

"Das Verhältnis zur Lehrkraft war störungsfrei"

Hausaufgaben machen, lernen, Hefte und Bücher einpacken: All das sollten Grundschüler spätestens in der vierten Klasse großteils alleine schaffen. Denn je mehr Hilfe Grundschüler von den Eltern bekommen, meint die Lehrerin, desto größer werden die Probleme später an der weiterführenden Schule. Insbesondere zwischen der vierten Klasse Grundschule und der fünften Klasse am Gymnasium liege "ein himmelweiter Unterschied", was den Anspruch an die Kinder betreffe. Wer als Elternteil nicht bis zum Abitur im Nebenjob Hausaufgabenbetreuer und Schulcoach sein wolle, müsse daher früh den Mut finden, die Kinder alleine arbeiten zu lassen.

"Beim Hausaufgabenmachen müssen Fehler passieren dürfen", meint auch Henrike Paede vom Elternverband. Nur dann könne der Lehrer am folgenden Tag in der Schule sehen, was die Schüler bereits verstanden hätten und wo es noch Probleme gebe. Der Zeitaufwand für die Hausaufgaben sollte bei Erstklässlern auf keinen Fall 30 Minuten pro Tag überschreiten. Ab der zweiten Klasse ist laut Elternverband eine nachmittägliche Arbeitszeit von maximal einer Stunde angemessen.