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Neues Unterrichtsfach:Fazit nach 90 Minuten: "Hier ist kein Grundrespekt da, wir fangen wirklich bei null an."

Anja und Ramona haben heute allerdings eine sehr reale Herausforderung vor sich: die Schüler. "Unser Coach hat gesagt, dass bei der Seilübung noch nie jemand verletzt wurde", sagt Anja, als man sie nach dem Unterricht noch einmal trifft. "Ich bin schockiert. Hier ist kein Grundrespekt vorhanden, und wir fangen wirklich bei null an. Ich habe vorausgesetzt, dass es klar ist, dass man kein anderes menschliches Wesen auf den Boden wirft. Man kann hier aber leider nichts voraussetzen." Neben ihr steht Ramona, sie will die Hoffnung nicht so schnell aufgeben: "Die öffnen sich schon, da kann ein Schuljahr bestimmt viel bringen", sagt sie.

Die Glückskunde stößt an ihre Grenzen

In ihrem Weiterbildungskurs haben sie gelernt, dass für 15- und 16-Jährige Identitätsfindung ein großes Thema ist, genau wie Selbstbestimmung und die Entwicklung von Beziehungen. Viele der Schüler aus der Klasse, die Mark hat auf den Boden fallen lassen, können diese Wörter aber nur mit Mühen buchstabieren und haben in ihrem bisherigen Leben andere Sorgen gehabt. Sie stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, einige haben Probleme mit ihren Eltern, mit Beziehungen im Allgemeinen und dem Schulsystem im Speziellen. Diese Schüler müssen hier sein, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen oder ihren Hauptschulabschluss nicht geschafft haben.

Für sie wäre ein stabileres Selbstwertgefühl tatsächlich eine große Hilfe. Die Glückskunde, die in der Theorie so fantastisch klingt, stößt in der Berufsschulklasse allerdings an ihre Grenzen. Und das Problem ist, dass sich das niemand eingestehen mag.

"Die Jugendlichen bei uns haben so einen geringen Zugang zu sich selbst", sagt die Lehrerin Frau Schreiber. "Man muss ihnen Impulse geben, damit das Bewusstsein geschult wird. Heute scheint so schön die Sonne auf das Laub, das ist doch auch Glück, wenn man da hinschaut." Schreiber schaut durch die zum Schulhof gerichtete Fensterfront in den Himmel.

In ihrem Rücken sitzt Mark inzwischen auf einem Stuhl und kühlt seinen aufgeschürften und blutunterlaufenen Ellenbogen. Die andere Hand hält er an seine schmerzenden Rippen, keiner beachtet ihn. Niemand hat angeboten, mit ihm zu einem Arzt zu fahren. Seine Mitschüler sollen derweil mit einem "achtsamen Ansatz" versuchen, jemanden, ohne ihn zu verletzen, über das Seil zu hieven.

Das Apple-Handy macht eine Schülerin richtig glücklich

Es ist laut und chaotisch, und irgendwann springt Schreiber auf. "Ich breche das jetzt hier ab", sagt sie zu Anja. "Ich bin nämlich auch Sportlehrerin, und so was wird normalerweise nie ohne Matten gemacht, da kann ja immer was passieren." Jakob, der Mark vorhin ausgewichen ist, boxt ihm nun in die unverletzte Seite. "Digger, wie geil, du kannst die Schule verklagen." Jetzt lächelt Mark.

Im letzten Drittel der neunzigminütigen Unterrichtseinheit Glück sollen die Mädchen und Jungen ihre Gefühle zu Bildern äußern, die Ramona vor ihnen auf ein paar Tischen ausgebreitet hat. "Bei welchem fühlt ihr euch gut?" fragt Anja. "Das da", sagt eine blonde, schmale Schülerin und zeigt auf das Logo der Firma Apple. "Ich habe so ein Handy von denen und das macht mich richtig glücklich." Sie greift nach der Fotokarte und strahlt, lässt eine mit Herbstlaub links und eine mit Riesenrad rechts liegen.

Bald unterbricht die Pausenklingel den letzten Versuch von Anja und Ramona, die Schüler zu ihren wahren Gefühlen zu führen. "Immerhin habe ich heute wirklich Glück gehabt, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist", sagt Mark und humpelt aus dem Klassenzimmer. In seiner rechten Hand baumelt die Kühlpackung.

© SZ vom 12.12.2015/chwa/sks
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