Klischees in Schulbüchern "Jedes Schulbuch ist ein Politikum"

"Jedes Schulbuch ist ein Politikum, es transportiert immer gesellschaftliche Positionen", sagt Eva Matthes. Die Augsburger Professorin ist Vorsitzende einer Wissenschaftlergesellschaft für Schulbuchforschung. Grundsätzlich gelte: Schulbücher sind ein "reagierendes Medium". Je mehr öffentlicher Konsens über ein Thema bestehe, desto stärker und schneller komme es in die Bücher; zunächst in Fächern wie Sozialkunde, in denen darüber debattiert wird; langsamer als beiläufiges Thema in anderen Fächern.

Schulbuchmacher streiten darüber: Soll man Konsens wiedergeben oder auch mal aufklärerisch sein? Wie weit geht bereits das genaue Abbild der Gesellschaft? Wie weit darf es, wie weit kann es gehen? Eine Erkundung des Systems Schulbuch zeigt: Schnell geht hier wenig.

Es ist ein riesiger Markt. Etwa hundert Verlage machen in Dutzenden Fächern Bücher für bis zu 13 Stufen, für alle Schularten, in 16 Bundesländern mit ihren jeweiligen Lehrplänen. Jahresumsatz: fast eine halbe Milliarde Euro. Schulbücher sind quasi Auftragsarbeiten für die Ministerien, manche Werke erscheinen in vielen Länderausgaben. Es gilt, dass niemand diskriminiert werden darf, etwa bei der Darstellung von Minderheiten. Aktive Schritte gegen die Ausgrenzung mancher Gruppen werden dagegen nicht verlangt.

Bayern ist am strengsten

Fünf, sechs Jahre oder mehr vergehen von der Idee für ein Buch bis zum Erscheinen. Die Verlage wissen, wann neue Lehrpläne kommen, oder ihre Marketingleute erkennen, dass es für ein neues Buch Bedarf gibt. Ein Konzept wird erstellt: Wie soll das Buch aufgebaut sein, welche Arten von Aufgaben?

Autoren bekommen Aufträge, Grafiker machen sich Gedanken, Redakteure koordinieren das Ganze. Schon das kann zwei Jahre dauern. Dann füllen die Team-Mitglieder ihren Bereich mit Inhalt, alle paar Monate trifft man sich. "Die Autoren gehen parallel oft in den Praxistest - in ihren eigenen Klassen testen sie Aufgaben oder geben sie an Kollegen zum Testen weiter, achten darauf, ob alles verständlich ist", sagt Körner-Wellershaus. Noch ein gutes Jahr Arbeit. Mindestens.

Bevor es die erste Auflage gibt, kommt eine "Prüfauflage", meist ein Jahr vor Erscheinen. Ein Vorab-Produkt, vor allem für Behörden. Die Begutachtung dauert ein halbes Jahr. Immer mehr Länder bieten aber "vereinfachte Verfahren". Politikbücher werden schärfer geprüft als Grundschulfibeln.

Bayern ist da am strengsten, erstellt penible Gutachten. Josef Erhard, früher Amtschef im Ministerium, hat das mal so verteidigt: "Keiner freut sich auf den Termin beim TÜV. Aber jeder ist froh, wenn beim Hintermann die Bremse funktioniert." Risiken geht man da als Schulbuchmacher eher nicht ein.