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Ghostwriting-Agentur Acad Write:Drei Wochen für eine Masterarbeit

Wie viele Studenten die Dienste eines Ghostwriters in Anspruch nehmen, dazu gibt es nur vage Schätzungen, keine gesicherten Zahlen. Dass Schummeleien an deutschen Hochschulen nicht selten sind, das hat der Soziologe Sebastian Sattler von der Universität Köln ermittelt. Laut seiner Studie aus dem Jahr 2012 hatten sich 79 Prozent der Befragten innerhalb der vorangegangenen sechs Monate eines Fehlverhaltens schuldig gemacht - vom Spicken in Klausuren bis zum Fälschen von Daten; fast jeder Fünfte hatte mindestens ein Plagiat abgegeben. Zum Thema Ghostwriting existieren derlei Untersuchungen nicht. Das hat laut Sattler folgenden Grund: "Das ist vermutlich eine der sichersten Formen wissenschaftlichen Betrugs."

Dass dieses professionelle Untergraben des Leistungsgedankens und der Ehrlichkeit im Wissenschaftsbetrieb so erfolgreich funktioniert, dafür sind Autoren wie Herbert Jost-Hof zuständig. Der promovierte Ethnologe, 54, arbeitet seit neun Jahren für Nemet. Fünf Seiten schreibt er mindestens pro Tag, eine Masterarbeit ohne empirischen Teil hat er im Idealfall in drei Wochen fertig. Als Honorar bleiben dafür "zwischen 2000 und 2500 Euro" bei ihm; ein Drittel des Preises, der dem Kunden berechnet wird. Während der Entstehung einer Arbeit sei er ständig in Kontakt mit dem Auftraggeber, arbeite Änderungswünsche ein, schicke Kapitel. Rundumservice.

Weiche Regeln

Es ist einiges passiert seit 2011, vor allem auf dem Papier. Im Februar vor vier Jahren begann der Skandal um die plagiatorische Doktorarbeit des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), in dessen Folge eine Reihe weiterer Plagiatsfälle ans Licht kam. Die großen Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft legten Empfehlungskataloge vor, Universitäten änderten die Promotionsordnungen. Häufiger als früher wird nun zur Abgabe eine eidesstattliche Versicherung verlangt, dass man die Arbeit ohne fremde Hilfe angefertigt habe; darunter fällt auch der Betrug durch Ghostwriter. Wer sie nutzt, macht sich strafbar. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen verpflichten Doktoranden und Betreuer dazu, Betreuungsvereinbarungen zu schließen, in denen Zeitpläne und Betreuungsgespräche festgehalten werden sollen. Das Problem: die Empfehlungen sind nicht verbindlich. Und selbst die Regeln in den Landeshochschulgesetzen stoßen schnell an verfassungsrechtliche Grenzen. Hochschulrechtler wie Manfred Löwisch und Thomas Württenberger (Freiburg) etwa halten die Pflicht zur Betreuungsvereinbarung für unzulässig, weil es den grundgesetzlich geschützten Freiraum des Betreuers verletze. Dieser darf demnach die Doktoranden weiterhin so behandeln, wie er sich das vorstellt - egal wie viele Richtlinien und Regeln ersonnen wurden. Es ist ein Freiraum, der in der Vergangenheit leider allzu oft zu Fehlverhalten führte. Roland Preuß

Die Gründe, weshalb Menschen einen Ghostwriter engagieren, sind laut Jost-Hof und Nemet vielfältig. Manche seien erkrankt oder könnten ihr Studium aus anderen Gründen nicht zu Ende bringen. Viele seien verunsichert, hätten an der Universität wissenschaftliches Arbeiten nicht gelernt und nun Angst, versehentlich ein Plagiat anzufertigen. "Wir schließen Lücken des Bildungssystems. Vielleicht nicht in dem Sinne, in dem das Bildungssystem das verlangt, aber dennoch", sagt Jost-Hof. Würde die deutsche Hochschullandschaft auf Qualität statt Quantität setzen, gäbe es Acad Write überhaupt nicht, meint er.

Professoren betreuen gerade in den niedrigen Semestern populärer Studiengänge wie BWL Hunderte Studenten, eine Beziehung zwischen Lehrer und Hochschüler existiert kaum. So fällt die ausnehmend gute - weil vom Ghostwriter angefertigte - Hausarbeit des ansonsten mittelmäßigen Studenten dem Korrektor nicht auf. "Dafür müsste man die Studenten und ihr Leistungsniveau sehr gut kennen", sagt Betrugsexperte Sattler von der Uni Köln. Bei den gängigen Betreuungsquoten in vielen Fächern sei das völlig unrealistisch.

Abschluss für den Lebenslauf

Die geringe Gefahr, entdeckt zu werden, ist für Thomas Nemet aber nicht der Hauptgrund für den Erfolg seiner Unternehmung. Der liege im System. "Heute muss ja quasi jeder studieren, der in der freien Wirtschaft irgendwas erreichen will", sagt er. Nicht zufällig machen Menschen jenseits der 40 fast ein Drittel von Nemets Kunden aus. Es sind diejenigen, die einen akademischen Abschluss brauchen, um den nächsten Schritt in der Karriere machen zu können. Das Studium an sich und die Erkenntnis daraus sei diesen Kunden völlig egal, sagt Nemet, der Abschluss müsse eben im Lebenslauf stehen.

All das hat Thomas Nemet binnen zehn Jahren vom Plattenbau in Halle in seine geräumige Wohnung über einer Zürcher Prachtstraße gebracht. Wenn der Gewinn weiter so wächst, will er sich in zehn Jahren weitgehend aus dem operativen Geschäft verabschiedet haben. Schon heute hat er nur noch selten Kundenkontakt. "Da muss das Auftragsvolumen schon bei mindestens 10 000 Euro liegen", sagt er und drückt seine Zigarette aus.

Vielleicht hat Nemet dann, wenn er genügend anderen Leuten zum akademischen Grad verholfen hat, auch wieder Muße, sich mit Jean-Paul Sartre zu beschäftigen. Über das Hauptwerk des französischen Existenzialisten hat er selbst promoviert. Die Dissertation hat er nach eigenen Angaben ohne fremde Hilfe verfasst.

© SZ vom 16.02.2015/mkoh
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