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Forschungsprojekt auf Rügen:Lehrer berichten von Problemen

Also alles wunderbar, das Rügener Modell ein Vorbild für ganz Deutschland? Nicht unbedingt. Wie so häufig bei Studien zu schulischen Themen sind auch bei dieser nicht alle begeistert. Rügener Lehrer haben sich an die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gewandt und von umfassenden Problemen bei der Inklusion berichtet. Die Pädagogen fühlen sich demnach überlastet und fürchten um ihre eigene Gesundheit. Sie sind im Ungewissen, wie es nach der Beendigung des Modells weitergehen soll. Bereits seit 2010 werde in Mecklenburg-Vorpommern an allen Grund- und mittlerweile auch allen weiterführenden Schulen inklusiv beschult, das Konzept sei überstürzt eingeführt worden.

"Die Akzeptanz für inklusive Beschulung geht fünf Jahre nach ihrer Einführung bei LehrerInnen sowie Eltern und SchülerInnen gegen null", stellt Annett Lindner, Landesvorsitzende der hiesigen GEW, ernüchtert fest. Das ist drastisch formuliert - hat aber einen belegbaren Kern. Laut RIM-Abschlussbericht bezweifelt mehr als die Hälfte der beteiligten Grundschullehrer auf Rügen, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf in einer integrativen Schule ideal betreut werden könnten. 29 Prozent der Lehrer wollen eine solche Aufgabe gar nicht übernehmen.

Lehrer-Blog Gleichmacherei ist nicht gleich gerecht
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Lehrer-Blog zu Inklusion

Gleichmacherei ist nicht gleich gerecht

Die unreflektierte Forderung nach Inklusion macht Catrin Kurtz wütend. Sie findet: Eine kleine Fortbildung bereitet keinen Lehrer adäquat auf Unterricht mit förderbedürftigen Kindern vor. Wie soll sie individuell betreuen und gleichzeitig allen Schülern gerecht werden?

Die offensichtlichen Zweifel unter Lehrern waren bereits kürzlich in einer anderen Studie dokumentiert worden. Eine repräsentative Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) unter Deutschlands Pädagogen hatte ergeben: 41 Prozent der Lehrer halten es selbst unter idealen Rahmenbedingungen (verkleinerte Klassen, bessere finanzielle Ausstattung etc.) für besser, wenn Kinder mit speziellem Förderbedarf in passenden Förderschulen unterrichtet werden. Fast alle befragten Lehrer (98 Prozent) lehnten die Forderung vieler Inklusionsbefürworter nach Schließung sämtlicher Förderschulen ab.

Viel Theorie, wenig Praxis

Letztlich scheint die Rügener Erhebung also zweierlei zu belegen: Erstens ist erfolgreiche Inklusion an Grundschulen möglich - wenn die Bedingungen nahezu perfekt sind. Die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Schweriner Landtag, Simone Oldenburg, sagte dazu, die Auswertung des Modellprojektes belege, dass Inklusion mit zusätzlichen Unterrichtsstunden und einer engen Begleitung durch die Universität Rostock gelingen könne. Alle betroffenen Lehrkräfte seien fortgebildet worden. "Dies ist im übrigen Land bisher nicht der Fall", sagte sie. Letzteres hat nicht nur für Mecklenburg-Vorpommern, sondern im ganzen Bundesgebiet Gültigkeit.

Und zweitens: Die Lehrer, die die Inklusion schultern sollen, werden bei den politischen Bemühungen um integrative Schulen oftmals übergangen. Dabei bedeutet die Inklusion für die Pädagogen einen massiven Mehraufwand, dessen Sinnhaftigkeit offenbar erst einmal schlüssig dargelegt werden muss. Darum wäre es wohl sinnvoll, wenn über die Weiterentwickung der Inklusion künftig weniger in Landtagen und mehr im Dialog politischer Entscheidungsträger und mit der Umsetzung betrauter Lehrer entschieden würde.