Fernstudium "Grenze des Machbaren"

Die neue Rektorin der Fernuni Hagen fordert Geld vom Bund. Bisher wird ihr Haus - das mit Abstand die größte Hochschule Deutschlands ist - nur vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert. Obwohl die meisten Studenten nicht dort wohnen, wie Ada Pellert erklärt.

Interview von Kim Björn Becker

Die Fernuniversität in Hagen ist die größte Hochschule der Bundesrepublik - im Wintersemester waren gut 77 000 Studenten eingeschrieben. Vor Kurzem ist Ada Pellert als neue Rektorin angetreten. Die österreichische Weiterbildungsexpertin hat sich ein ehrgeiziges Programm vorgenommen.

SZ: Frau Pellert, bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, die Fernuni soll mehr sein als nur "Provider von Fernstudienmöglichkeiten". Was wollen Sie verändern?

Ada Pellert: Die Fernuni ist für mich die Institution des lebenslangen Lernens, diese Mission verfolgt sie in Forschung und Lehre. Es ist mir ein Anliegen, dass ihre Bedeutung in der Forschung, die ja jetzt schon groß ist, stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt.

Woran liegt es, dass die Universität bislang so wenig als Forschungseinrichtung beachtet wurde?

Wir werden in der Forschung durchaus wahrgenommen. Wenn man sich anschaut, was unsere Professorinnen und Professoren veröffentlichen, dann sind sie in ihren Fächern definitiv anerkannt. Was mir vorschwebt, ist eine Bündelung unserer Forschung zu Fragen des Universitätsbetriebs, zum Beispiel bei der Digitalisierung der Lehre oder der Frage, wie Hochschulen damit umgehen, dass ihre Studierenden immer vielfältigere Hintergründe haben. Da haben wir in Deutschland eine starke Position und verfügen über viel Erfahrung. Das soll stärker sichtbar werden.

Ada Pellert.

(Foto: Veit Mette / oh)

Auch die Präsenzuniversitäten versuchen zur Zeit verstärkt, Berufstätige als Studenten zu gewinnen. Wie gehen Sie mit dieser Konkurrenz um?

Ich glaube, der Bedarf an Bildung und Weiterbildung ist groß genug, dass auch für weitere Anbieter Platz ist. Die Veränderungen hin zu einer Wissensgesellschaft sind so umfassend, dass die Hochschulen darauf reagieren müssen. Die entscheidende Frage ist, wie die Universitäten damit umgehen, dass die Studierenden in immer vielfältigeren Lebenssituationen zu ihnen kommen. Davon bilden die Berufstätigen die mit Abstand größte Gruppe. Für sie haben wir in Hagen bereits etliche Angebote geschaffen, sodass sie das Studium in ihren Arbeitsalltag integrieren können. Diese Zielgruppe werden viele Hochschulen für sich entdecken.

Die Fernuni wird größtenteils vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert, doch die Mehrheit der Studenten kommt aus anderen Bundesländern. Ihr Vorgänger hatte sich für eine breitere Finanzierung eingesetzt. Werden Sie seinen Kurs fortsetzen?

Die Fernuni ist eine Einrichtung mit einem bundesweiten Auftrag. Es ist klar, dass wir deshalb weiterhin nach Unterstützern außerhalb von Nordrhein-Westfalen suchen werden. Auch Online-Lehre braucht Betreuung, und da die Nachfrage steigt, müssen wir mehr Professorinnen und Professoren einstellen. Das steht übrigens auch im Zusammenhang mit meinem Plan, das Forschungsprofil zu schärfen. Weil die Fernuni gerade ziemlich ausgelastet ist, liegt aktuell der Schwerpunkt auf der Lehre.

Zur Person

Ada Pellert, 54, ist seit März neue Chefin an der Fernuniversität Hagen. Zuvor war die Wirtschaftswissenschaftlerin Gründungspräsidentin der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin und Vize-Rektorin der Uni Graz.

Und wer soll die Fernuni nun finanzieren?

Wir brauchen Bund und Land. Das Land soll die Trägerin der Hochschule bleiben, aber wir benötigen auch Mittel des Bundes. Das ist gerechtfertigt, da unser Beitrag zum deutschen Hochschulsystem über die Landesgrenzen hinaus reicht.

Wenn es beim Status quo bleibt, werden Sie dann die Zahl der Studenten noch einmal verringern, wie es vor zwei Jahren bereits geschehen ist?

Ich wünsche mir das sicher nicht, aber es ist möglich. Wir arbeiten derzeit an der Grenze des Machbaren, aber auch unsere Studierenden brauchen eine gute Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Lehrenden.